Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lukas 23,34)
Das erste Wort: Eine Bitte für die andern: Für die Spötter, für die Mörder, die Befehlsempfänger, die Folterknechte, für die Schuldigen überall. Wer sagt das? Ein Leidender, ein Gefolterter, an Leib und Seele Verletzter. Er war entwürdigt worden. Peitschen, an denen Knochenstücke und Bleiklumpen hingen, hatten ihn zerschlagen. Einen Lumpenkönig, einen König mit Purpurmantel und Dornenkrone hatte die Soldateska aus ihm gemacht - ein Karneval des Terrors. All das ist der Auftakt für das Spiel mit Menschenleben in der Geschichte, für Vernichtung des Lebens, von der Inquisition bis zur Vernichtung in Gaskammern. Der Mensch vergisst Solidarität mit dem Mitmenschen. Aber am Kreuz das Gebet für die Unmenschen. Wer spricht? Im Sterben macht der Bergprediger sein Wort wahr: „Betet für eure Verfolger!" Feindesliebe, die nicht totzukriegen ist. Liebe Christi.
Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein. (Lukas 23,43)
Das zweite Wort: Trost für den Mitmenschen im Leid. Er, der Gefährte im Schmerz, wird zum Bruder. Was der Sohn Gottes in der Todesstunde noch versprechen und im Namen Gottes verschenken kann, gibt er ihm. Nicht einem Reichen, Mächtigen, in der Welt Hochgeehrten. Sondern einem als Verbrecher Verurteilten. Einem, der selbst zugeben musste: „Wir empfangen, was unsere Taten verdienen." War es ein Räuber? War es ein Befreiungskämpfer, ein Guerillero? Wir wissen es nicht. Jedenfalls ein Mensch, der sein Tun bereute. Der wusste, dass nur die Vergebung Gottes ihm noch helfen konnte. Er wird der Letzte, mit dem der Gottessohn - außer mit seinem himmlischen Vater noch redete. Ein armer, gefolterter Mensch wird Zeuge der Barmherzigkeit Christi. Zeuge dessen, was all den Armen, Verzweifelten, Leidendenversprochen ist, die in ihrer Todesstunde auf das Kreuz Christi schauen: Mit Christus im Paradies sein. In der Nähe Gottes, in seinem Garten sein wie Gott es von Anfang an wollte: Kind Gottes - unendlich würdig, geehrt, geliebt.
Frau, das ist dein Sohn! Siehe, das ist deine Mutter! (Joh. 19, 26.27)
Das dritte Wort. Zuwendung, Anrede an die Treuen. An Maria, die Mutter. An Johannes, den Freund und Schüler. Nicht immer waren diese beiden treu an seiner Seite. Wie alle andern hat auch Johannes seinem Freund und Meister in der Stunde der Todesangst in Gethsemane nicht beigestanden und geschlafen. Und seine Mutter mitsamt der törichten Familie hatte Jesu Wort und Wirken nicht verstanden, hatte ihn fürverrückt erklärt und wollte ihn wie ein unmündiges Kind wieder in ihre Obhut nehmen. All das ist vergeben. Der Sterbende selbst tröstet die, die um ihn Leid tragen. So indem er eine neue Gemeinschaft stiftet: Der Mensch ist des Menschen Arznei, Der Mensch ist des Menschen Trost. Ein junger Mann verliert den Freund und findet eine Frau, die wie eine Mutter wird. Eine Mutter verliert ihren Sohn und findet einen jungen Mann, der sie wie eine Mutter braucht. In der Trauer helfen neue Aufgaben. Wenn der Tod kommt, ist Raum für Zärtlichkeit gegen Lebende. Christus am Kreuz stiftet die Gemeinschaft derLebenden, die einander lieben.
Und um die 9. Stunde schrie Jesus laut: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Matth. 27,46)
Das vierte Wort: ein Schrei und ein Gebet. Der Gekreuzigte, leidender Gottesknecht, gemarterter Mensch fällt ein in die Worte des 22. Psalms. Über ihm hat die Gemeinde Jesu Martyrium beschrieben und gedeutet. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist fern... Meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. Der Bösen Rotte hat michumringt. Sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben." Schrei und Gebet. Leiden an der Verborgenheit Gottes. Für alle trägt er Einsamkeit im Tod. Und dennoch: Der angeklagte Gott ist zugleich Zufluchtsort. Anklage wandelt sich in Lob, wie der Psalm endet in der Gewissheit: Einmal werden alle Menschen Gott verehren. So bleibt auch die Einheit zwischen Gott und dem Menschen Jesus erhalten. UndGott gibt ihm zu Ostern Recht und Leben.
Mich dürstet (Joh. 19,28)
Das fünfte Wort, das schlichteste. Die Bitte um Hilfe. Der Gekreuzigte fleht um einen Schluck Wasser. Nach Folterung und letztem Gang, das Ausharren am Kreuzesbalken. Mit zernagelten Gliedern, vomErstickungstod bedroht, hat Jesus gesagt: Ich habe Durst. Er erhielt Essig. Zeichen der Verhöhnung wie der Hinweis des Evangelisten zeigt: Ps. 22,16.
Nach Ps. 69, 22 ist Galle beigemischt. Oder war der Essig leichter Wein, Getränk der armen Leute? Dann hatte ein Soldat ein wenig Mitleid. Wir wissen es nicht.
Es ist vollbracht! (Joh. 19,30)
Das sechste Wort. Der Tod ist nahe. Angesichts des Todes - das bestätigen Berichte von Menschen, die mit Hilfe von Medizin und Rettungsdiensten ins Leben zurückkehrten - erscheint noch einmal das ganze Lebenvor dem geistigen Auge. „Vollbracht", ist das Wort Jesu in Gehorsam zum Willen des Vaters. Die Liebe Gottes hat er zu den Menschen gebracht, hat seine Wahrheit offenbart und zum ewigen Leben Menschen berufen. Nun ist seine Sendung beendet. Er wird zu dem Vater im Himmel zurückkehren, der ihn entsandt hat. „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab.“ Also - das wird erläutert durch das Kreuz. Es ist das Zeichen der Versöhnung Gottes mit den Menschen, das Zeichen der Gemeinschaft unterden Berufenen. Gottes Nein zur Bosheit der Menschen. Gottes Ja als Ruf zu neuem Leben.
Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. (Luk. 23,46)
Das letzte Wort Jesu, wie das erste an den Vater gerichtet. Nun aber schon Abschied von der Erde und von diesem Leben, Wendung zum Himmel. Der Sterbende spricht Worte des 31. Psalms: „In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“
Dieser Gott, mit dem der Gekreuzigte spricht, hat mit gelitten. Gelitten an der Bosheit der Menschen, gelitten über den Schmerzen des Sohns. Er ist Teilhaber menschlicher Not. Er ist allmächtig - und doch zugleich gebunden an seine Liebe. Dass die Bosheit des Menschen nur durch Liebe überwunden wird, ist das Geheimnis der Erlösung, das das Leiden des Vaters und des Sohnes
einschließt. Und doch wird aus dem Tod neues Leben zu Ostern erwachsen. Das Geheimnis der Erlösung schließt auch Leben ein. Das Leben Christi und unser Leben. Die Hände des Vaters bergen alles Leben, auch noch jenseits des Todes. Bergen unsere lieben Toten, einmal uns. Deshalb betet Christus für uns und mit uns: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Amen




