Predigt über Matth. 20, 1-16 am 23. Sonntag nach Trinitatis, 30.10.2005, zum Abschied von der Gemeinde
Ein Weinberg-Besitzer stellt Arbeiter ein. Nachdem er den üblichen Lohn mit ihnen vereinbart hat, schickt er sie in seinen Weinberg. Viele Arbeiter will er einstellen. Deshalb sucht er den ganzen Tag über: Morgens um 6 h, dann um 9 h, wieder um 12 h zur Mittagszeit, noch einmal um 3 h nachmittags. Sogar noch 5 h nachmittags wirbt er bei Arbeitslosen, sie möchten noch in der letzten Stunde dabei sein. So weit hören wir gerne zu. Aber jetzt wird die Geschichte ärgerlich. Da läuft doch alles anders, als wir’s gedacht hätten. Bei der Entlohnung kommen die Kurzarbeiter zuerst dran. Und dann die Überraschung: Für eine Arbeitsstunde bekommen sie den vollen Tageslohn. Und die Vollzeit - Beschäftigten kommen zuletzt dran. Und dann die Enttäuschung: Ihr Lohn ist genauso hoch. Das ist doch eine Umkehr aller Ordnung! Kein Wunder, dass jetzt diese Arbeiter murren. Die Geschichte wird ärgerlich, die Hauptperson wird unsympathisch.
Haben die Murrenden nicht Recht? Wir leben doch alle nach diesem Gesetz: Eine Arbeit ist ihren Lohn wert, und Leistung und Lohn stehen im Verhältnis. Das Preis – Leistungsverhältnis soll stimmen. Das ganze Leben ist so. Nur kurze Zeit genießt das Klein - Kind die bedingungslose Liebe der Eltern. Aber bald bekommt es zu spüren, dass es Bedingungen gibt und Leistungen erwartet werden. Was die Eltern in ihrer Erziehung beginnen, setzen Lehrer/innen in der Schule fort. Noten zeigen den Leistungsstand an. Den Zensuren und später den Tarif - Vereinbarungen entfliehen wir ab dann nicht mehr. Leistungsanreize und Kontrolle der Leistung wechseln. Das eiserne Lohngesetz gilt. Manchen wird es sogar noch als Widmung über dem Sarg mitgegeben: Nur Arbeit war dein Leben, jetzt als rühmender Nachruf.
Trotz alledem wissen wir aber auch, dass Leben nicht nur Arbeit ist, nicht nur Arbeit sein darf. Auch Geschenke gibt’s im Leben. Freilich nicht immer lösen sie Freude aus. Eugen Roth bemerkt dazu. „Ein Mensch, der was geschenkt kriegt, denke, / nichts zahlt man teurer als Geschenke.“ Ja, das Leistung – Lohn - Denken ist oft zwanghaft. Jede Leistung erfordert eine Gegenleistung. Wenn das stimmt, wird’s schwierig mit Geschenken. Vielen fällt es schwer, sich einmal helfen zu lassen. Wie anders verhalten sich aber Kinder. Passende Geschenke bewirken bei ihnen echte Freude. Deshalb können wir Erwachsene von Kindern viel lernen. Sie erinnern uns daran: Das Leben beginnt in Geborgenheit, mit Erfahrungen von Liebe, Fürsorge und Hilfe der Eltern. Das Lächeln der Kinder kann uns erinnern an unverdienten Lebensreichtum. Dass unsere Ehe gelingt, dass wir geliebt werden, dass wir Menschen haben, die uns verstehen, gute Freundinnen und Freunde oder dass wir Treue erfahren – dies alles lässt sich nicht verrechnen, wir können es uns nicht selbst besorgen. Es wird uns geschenkt. So leben wir im Zwiespalt: Nach Leistung und Lohn verlangen wir – Geschenke und unverdiente Geborgenheit durch Liebe, Fürsorge und Hilfe erfahren wir.
Wenn wir diesen Zwiespalt aller Lebenspraxis zugeben, ist der Ausgang der Geschichte für uns zunächst beschämend. Zuerst waren wir ganz von selbst auf die Seite der Murrenden geraten. Aber nun beginnt der Arbeitgeber zu reden. Zu Anfang entlarvt er die wahren Gedanken der Empörer. In Wirklichkeit sorgen sie sich nicht um Gerechtigkeit. Sie rufen nicht: Keinem darf es schlecht gehen, und alle müssen genug zum Leben haben. Nein, neidisch sind sie und denken: Keiner darf mehr Glück haben als wir. Neidische kreisen nur um sich selbst, sehen nur eigene Verdienste und Ansprüche, fragen nicht nach den Bedürfnissen anderer. Aber wenn nur Leistung und Verdienst gelten sollen, wo bleiben dann die Hilflosen, so genante Versager, Unfähige, die im Leistungsrennen Abgehängten, die durch Schuld anderer Geschädigten, Schwache, Alte, Kranke? Muss man nicht für sie sorgen?
Weil die Murrenden die Beschenkten beneidet haben, haben sie auch den Arbeitgeber verkannt und beleidigt. Er ist nicht der Kontrolleur mit kalt prüfendem Blick, der den Stellen - Bewerber mustert und dann durch ein Wort über das Schicksal eines Menschen entscheidet: Tauglich oder unbrauchbar. Er rechnet anders als all die Führer des Entsetzens. Der gütige Arbeitsherr sortiert nicht nach Leistung. Er gibt jedem und jeder eine Chance. Er möchte Arbeit geben, von der man leben kann. Leben und Zukunft bietet er sogar noch in der letzten Stunde vor Tores - Schluss.
Nun muss der gütige Arbeitsherr sich gegen den Protest der Neidischen verteidigen. Ein Ende im Streit, ein böses Ende? Eigentlich nicht. Deshalb nicht, weil sich der gütige Arbeitsherr den Murrenden zuwendet. „Mein Freund“, sagt er zu ihrem Sprecher. „Ich tue dir nicht unrecht.“ Das klingt wissend, unendlich gütig. Und dann das Argument. Kann er nicht großzügig mit seinem Vermögen umgehen? Dies Argument macht stumm. Er hat doch Handlungsfreiheit. Macht und Recht hat er. Und zweitens: Nicht um Recht allein geht es, sondern um sein Recht zur Güte. Dafür wirbt er jetzt, indem er den Blick auf die Bedürftigen lenkt. Eine erstaunliche Methode, mit Gegnern umzugehen! Eine neue Perspektive für die Arbeitswelt. Jetzt geht es nicht um den sicheren Standort, nicht um Wettbewerbsfähigkeit, nicht um Sanierung des Betriebs, sondern um die Perspektive: Was ist möglich, damit möglichst viele beschäftigt werden und Arbeitslose auch eine Chance bekommen und die im Wettbewerb Abgehängten dazu kommen dürfen.
Aber wer kann sich schon solche Güte leisten? So fragen viele resigniert. Ist dies nicht alles Theorie, die nicht in die Praxis unserer Welt passt? Ja, liebe Gemeinde, die Geschichte wäre tatsächlich bloße Theorie und ein Wunschtraum, wenn nicht einer tatsächlich nach den Worten des gütigen Arbeitsherrn gelebt hätte. Der Erzähler selbst. Jesus von Nazareth. Sein Leben war Güte. Seine verstehende Liebe wollte alle Menschen ansprechen. Er ging zu den Armen und Reichen, zu den kleinen Leuten und zu den Mächtigen. Aber das machte ihn traurig und zornig, dass manche sich selbst von der Hilfe ausschlossen, die er allen anbieten wollte. Er feierte fröhlich mit den Armen und Verachteten, den Menschen am Rande der Gesellschaft. Aber er musste erleben, dass viele von ihm abrückten, ihm vorwarfen, er habe sich in schlechte Gesellschaft begeben. Ihnen, den Pharisäern, erzählt er diese Geschichte. Die Gemeinde hat sie bewahrt. Sie wusste schon früh: Die Versuchung zur Überheblichkeit steckt in uns allen. Und das Recht der Güte Gottes muss immer wieder erklärt werden. „Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.“ Deshalb also erzählt Jesus die Geschichte, deshalb lebte Jesus selbst nach dem Recht der Güte, weil Gott seine Herrschaft durch Güte aufrichten will, die heißt „Himmelreich“ oder „Reich Gottes“. Gottes Wirken gleicht dem Handeln des gütigen Arbeitsherrn. Gott ruft und wirbt um Menschen, will Arbeit, Leben und Zukunft geben, noch bis zur letzten Stunde der Lebens - und Weltzeit. Mit seinem Handeln will er in die Ordnungen der Welt eingreifen. Alle Maßstäbe kehrt er um und setzt zeichenhaft das neue Recht. Das Recht der Gnade und Güte. Die Welt kennt es nicht und sehnt sich doch zugleich unbewusst danach. Gerufen wird sie zur Umkehr, zur Heimkehr in das Reich der Güte und Liebe, in das Reich Gottes.
Wer das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg hört, wird an sein, an ihr eigenes Leben denken. Sind wir gestern noch dort vorbeigekommen? Nähern wir uns über Umwege oder gehen wir direkt hinein? Martin Luther riet: „Bleibe auf der Mittelstraße! ... Verzweiflung und Vermessenheit müssen hinweg…Selbst wenn du gleich Abraham, David, Petrus oder Paulus wärst, sollst du dich nicht einmal über die letzte Prostituierte erheben. Selbst wenn du auch Pilatus, Herodes, Sodom oder Gomorrha wärst, brauchst du doch nicht geringer zu sein als irgendein Heiliger.“ Gottes gütiger Ruf schickt uns heim jenseits von aller Überheblichkeit, jenseits aller Verzweiflung.
Wir gehen nicht allein auf dieser Mittelstraße. Sprechen wir zum Schluss von einem der Mitwanderer, diesmal von einem Pfarrer. Der Rolle des Pfarrers hat der englische Dichter Bruce Marshall ein Denkmal gesetzt. Als Motto nahm er die Worte des Evangeliums „Ruf nun die Arbeiter und zahle ihnen ihren Lohn, vom letzten bis zum ersten…“ „To every man a penny“, hieß sein Roman 1952, in der deutschen Ausgabe: „Keiner kommt zu kurz. Oder der Stundenlohn Gottes.“ Da ist Abbé Gaston, „ein kleiner rundlicher Mann“, ein Pfarrer in Paris. Gegenüber seiner Kirche liegt ein Modesalon. „Die Gefahren der Mode“ sind ein beliebtes Predigt - Thema seiner Zeit. Je kürzer die Röcke, desto länger die Gesichter der Frommen. Trotzdem weiß der Pastor, dass man Gott selbst im Modesalon dienen kann. Als eins der jungen Mädchen in die Prostitution abrutscht, ist der Pastor bei ihr, sorgt für ihr Kind, und in ihrer letzten Stunde tröstet er sie mit Wort und Sakrament. Eine Liebe, die versteht und hilft; es war die Unbarmherzigkeit der Leute, die das Mädchen ins Elend getrieben hatte. Der Pastor hat auch einen Freund, einen Kommunisten. Er ist mit ihm nicht einer Meinung. Er selbst liest lieber den Figaro, eine staatserhaltende Zeitung und nicht L’ Humanité, dieses aufrührerische Blatt, aber als der Kommunist verfolgt wird, versteckt er ihn vor seinen Feinden. Eine verstehende Liebe, die den andern in seinem Sinn für Gerechtigkeit anerkennt und schützt. Der Pastor ist ein Patriot. Aber als er einmal sieht, wie ein deutscher Soldat von Aufständischen in Paris gehetzt wird, versteckte er auch ihn. Eine verstehende Liebe, die im Feind den Mitmenschen erkannt hatte. So kann doch immer wieder demonstriert werden, dass Gottes Güte ohne Grenzen ist und Christinnen und Christen deshalb auch Grenzen überschreiten.
Als der Pastor alt wird, überdenkt er sein Leben. Vielleicht ist unsere Lebenszeit ähnlich einem Streifen Raum, der aus der Ewigkeit herab rollt und wieder zurück rollt. Und nun glaubt er die Antwort zu kennen auf die Frage des Petrus: Welchen Lohn bekommen wir denn, wenn wir alles zurücklassen und dem Herrn Christus nachfolgen? Bevor Jesus erzählt, hatte Petrus noch diese Frage gehabt. Nun glaubt der Pastor etwas zu verstehen von dem Geheimnis des Tageslohns Gottes. Ein Silberstück für jeden. Sicher, die Arbeit war mühsam gewesen. Aber er war doch die ganze Zeit glücklich dabei gewesen.
Die Mittelstraße hat nämlich ein Ziel, sagt Martin Luther. Man sieht beim Gehen geradewegs auf die Güte des Hausvaters, auf den „König der Barmherzigkeit.“ Amen
(Aus CuS 2/2006 - NW 4/2006)




