
Auf dem Weg zur Völkerverständigung. Jugendliche setzen Zeichen für Friedens- und Versöhnungsarbeit in Weißrußland
Ulrike Jaeger
Vom 28.07-18.08.2005 fand das neunte Jugendworkcamp der Evangelischen Jugend Bünde Ost mit zehn deutschen, sechs weißrussischen Jugendlichen, fünf Babuschkas und zwei Deduschkas in Weißrussland statt. Das diesjährige Projekt setzte die bisherigen Ziele der Völkerverständigung, Friedens- und Versöhnungsarbeit seit nun neun Jahren in Folge fort. Dieses Ziel erreicht die Projektgruppe durch zwei besondere Schwerpunkte.
In einem Umsiedlungsprojekt des deutschen Vereins "Heim-statt Tschernobyl e.V" für Tschernobylopfer in Weißrussland knüpfte die Leiterin vor zehn Jahren die ersten Kontakte zu Land, Leuten und Kultur. Aus der Begegnung der Tschernobylumsiedler im Dorf Drushnaja am Narotschsee in Weißrussland entwickelte sich der Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung. Dieses Jugendprojekt wurde zu einem Integrativprojekt zwischen Einheimischen und umgesiedelten Tschernobylopfern am Narotschsee. Neben der Tschernobylproblematik stellte sich für uns sehr bald heraus, dass es hier zahlreiche Spuren der deutsch-weißrussischen Geschichte gibt. Dieses Gebiet war das Hauptkampfgebiet, die Frontlinie in den beiden Weltkriegen. Da die Bevölkerung in der Provinz des Landes sehr überaltert ist, lernten wir hier viele Zeitzeugen kennen, die mit uns über den Krieg, viele persönliche Schicksale und Verluste wie über die Geschehnisse, welche sich hier zugetragen haben, sprechen.
So ergaben sich für unsere Arbeit zwei Schwerpunkte, welche wir seit Beginn des Projektes verfolgen. Zum einen ist es die deutsch-weißrussische Geschichte, zum anderen ist es die Lebenssituation der alten, hilfsbedürftigen, allein lebenden Menschen im Alter zwischen 70-98 Jahren. Die Menschen leben oft in sehr schwierigen, würdelosen Lebensverhältnissen und haben meist niemanden, der sich um sie kümmert und ihnen hilft. Durch einen einfachen Baurenovierungseinsatz nahmen wir Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung auf: Durch das gemeinsame Arbeiten lernt man einander anders kennen, als wenn man "nur eine Tasse Tee miteinander trinkt". Unser "Kennen lernen" hat eine tiefere Dimension und eine andere Qualität erreicht als die, die man üblicherweise darunter versteht. Wir sind mehr als bloß bekannt miteinander. Durch die Kontinuität der Arbeitseinsätze sind aus Fremden längst Freunde geworden. Für die Einheimischen dort sind wir schon fast Familienmitglieder.
Menschen, mit denen man eng verbunden ist, denen kann man auch etwas anvertrauen. So haben auch wir im Jugendworkcamp gespürt, dass die alten Menschen sich uns mehr und mehr anvertrauen. Oft erzählen sie uns von sehr persönlichen Schicksalen und ihren Kriegserlebnissen und Kriegserinnerungen. So sind wir in unserem Projekt schon seit Jahren mit Zeitzeugen auf Spurensuche zu historischen Tatorten des Kriegsgeschehens und sind miteinander im Gespräch.
Zumeist stehen wir hilflos vor den Scherben der Vergangenheit unserer Vorfahren. Wir können nichts an dem bereits Geschehenen nachträglich verändern oder wieder gutmachen. Wir können höchstens unsere Spuren, die wir setzen, genau überdenken. Welche Zeichen wollen wir setzen in und mit unserem Leben, wofür stehen wir ein, welchen Wert hat das Leben für uns und was sind wir bereit dafür zu tun? Auch wenn wir nicht allen armen, alten und hilfsbedürftigen Menschen helfen können, vieles ungeschehen bleibt, so finden wir es besser, wenigstens das uns Mögliche zu tun und zu schaffen. Vielleicht sind wir noch nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein, dennoch ist es nach unserer Meinung besser, ein Licht anzuzünden als über die Dunkelheit zu klagen. Wir können mit einem Jugendworkcamp die politischen Verhältnisse des Landes von Oben her nicht verändern. Aber wenn viele unserem Beispiel folgen, würde sich sehr wohl etwas verändern.
Unsere Aktivitäten haben ein Echo in der weißrussischen Presse gefunden. In der zweiten Augustwoche 2005 meldet Slonimskaja Gaseta (Nr. 32, Übersetzer Sergej Barsukov):
"Die Jugendlichen setzen Zeichen der Versöhnung.
Das Massengrab, wo die erschossenen Einwohner vom Dorf Sawodny Les ( an der Grenze des Slonimer Bezirkes ) und die hier gefallenen Partisanen liegen, befindet sich ganz am Waldrand. Die hier niedergelegten Kränze verfaulen unter Regen und Schnee vom 9. bis 9. Mai.
Am Samstagmorgen des 6. August kamen zum Mahnmal am Massengrab 2 Minivans mit Kindern. Die jungen Leute kamen schweigend auf den Grabstein zu, legten die Blumen nieder und beteten für die Seelen der Gefallenen in jenem Krieg.
Nah zueinander zu sein ist eine Sache des Herzens. "Das ganze Leben beginnt damit, dass jemand die Tür aufmacht, von seinem Alltag weggeht und dazu bereit ist, für sich etwas Neues zu entdecken" - schrieb ein unbekannter Autor. Zehn Schüler aus der Stadt Bünde im Bundesland NRW, die am letzten Wochenende Slonim besucht haben, hatten sich auf den Weg gemacht mit dem Ziel, die sich von ihren eigenen krass unterscheidende Welt, Land und Leute, die immer noch die Folgen des vom Nazi-Deutschland ausgelösten Krieges spüren, näher kennen zu lernen.
Die deutschen Schüler im Alter von 14 bis 20 Jahren beteiligen sich schon seit 9 Jahren am Sommerworkcamp im Kreis Mjadel. Dort, in Häusern von alten, kranken und einsamen Frauen machen die Jugendlichen aus Deutschland verschiedene Renovierungsarbeiten: streichen Wände und Decken, tapezieren, bauen Fußböden, Zäune und Klos. Absolut kostenlos und freiwillig. Außerdem zahlen die Kinder Gebühren, um am Camp teilnehmen zu dürfen.
Die Projektleiterin Ulrike Jaeger erzählt:
- Nah zueinander zu sein ist eine Sache des Herzens und nicht des Abstandes, der Kulturen, Traditionen und der Geschichte. Wir sind schon lange füreinander nicht fremd. Das ist uns klar geworden, als einige Omas, bei denen wir gearbeitet haben, uns ihre deutschen Enkel nannten. Und für uns, junge Deutsche, sind sie jetzt die besten Babuschkas der Welt.
Das ist eine Herausforderung, die Menschen zu treffen, deren Schicksale für immer mit dem blutigen Krieg verbunden sind, die Opfer deines Volkes. Obwohl sich die deutschen Jugendlichen nicht schuldig fühlen und sich nicht schuldig fühlen müssen für die Verbrechen der Großväter, erschüttern sie diese Treffen mit hilflosen weißrussischen Omas aufs tiefste.
- Wir sind davon beeindruckt, dass oft die Opfer selbst den ersten Schritt zur Versöhnung und Offenheit machen. Es ist unbegreiflich, wie kann man hier noch Lebensfreude behalten? Die Tatsache, dass wir Enkel der Tätergeneration an einem Tisch mit den Opfern sitzen und sehen können, wie sie mit uns das Wenige, das sie haben, teilen, macht uns nicht gleichgültig. Als Deutsche fühlen wir uns in solchen Momenten kraftlos und hilflos, leer und arm. Die deutschen Jugendlichen hatten unterschiedliche Vorstellungen von den hiesigen alten Leuten gehabt. Jetzt können wir sagen: ‚Wir haben uns die Opfer anders vorgestellt’ - so Ulrike.
In die Gegend um Slonim brachte die deutschen Jugendlichen ein Buch unseres Landmannes Jakob Schepetinski, der heute in Israel lebt.
‚Das Urteil. Kriegsodyssee eines Ghettoinsassen, Partisanen, Frontkämpfers, Gulagüberlebenden’ Dieses Buch ist in vier Sprachen übersetzt worden. In drei Sprachen heisst es ‚Jacobsleiter’. Das Buch ist autobiografisch. Es erzählt über das Schicksal eines Menschen, in dem sich das Schicksal des ganzen Volkes widerspiegelt: unserer Landsleute, Nachbarn, Freunde aus Kinderzeit.
1941 bestand die Bevölkerung von Slonim zu einem Drittel aus Juden. Rund 25.000 Menschen dieser Nationalität lebten in der Stadt und im Kreis Slonim. 16.000 davon in Slonim. Nach offiziellen Angaben sind in Slonim 1944 nur 80 Juden geblieben ...
Heute hört man nicht mehr in Zamostje jüdische Flöte oder Geige, niemand begrüßt dich in der Zamkowjastrasse mit fröhlichem "Schalom!" und am feierlich gedeckten Tisch beim Nachbarn setzt man den Trinkspruch nicht fort - "Le Haim!" - "Auf Leben"!
U. Jaeger, die Jakob persönlich kennt, war von der Lebensgeschichte des Mannes aus Slonim so stark beeindruckt, dass sie entschied, den Jugendlichen die Orte zu zeigen, die im Buch beschrieben sind: Slonim, Okoninowo, Sawodny Les, Clepelewo, Kassowo, Ganzewichi, Chudin.
Aus dem Kapiteln fünf ‚Du warst nicht dort’ im Buch von J. Shepetinskij ‚Das Urteil’: "Es ist nicht möglich, es in Worte zu fassen. Menschen gingen betend, weinend, Verwünschungen ausstoßend dahin. Es gab auch solche, die schwiegen. Doch das Allerschrecklichste waren die Kinder. Sie verstanden nicht, was los war, warum alle weinten und schrieen. Sie hielten sich an den Beinen der Mütter, der Väter fest, die Kleinsten wurden auf den Armen getragen. Und alle zusammen gingen langsam vorwärts und verabschiedeten sich vom Leben, getrieben von den Wachsoldaten. Links und rechts - Bajonett neben Bajonett."
Zwei Tage lang fuhren die Bullis mit den deutschen Schülern durch Dörfer, um an Massengräbern anzuhalten. Zwei Tage lasen sie ein Kapitel nach dem anderen aus dem Buch von Jakob Shepetinskij, das über die Erschießung von 10.000 Juden in Chepelowo, den Tod seiner ganzen Familie, bestialische Taten der Faschisten und den endlosen Mut einfacher junger Menschen erzählt. Zwei Tage lang bemühte sich die Korrespondentin der ‚Slominskaja Gasetta’ zu verstehen, warum eigentlich fahren die wohlhabenden jungen Leute in ein weißrussisches Dorf, schlafen drei Wochen lang in einer Scheune, arbeiten von früh bis spät, hören den endlosen Erzählungen der Omas über ihr schweres Leben zu, anstatt einfach an der Mittelmeerküste einen Cluburlaub zu machen. Und ich habe verstanden: diese Reise ist keine Suche nach Abwechslung, keine Absicht, vor seinen Freunden zu prahlen: ‚ich habe so etwas gesehen, dass ihr euch gar nicht vorstellen könnt.’ Für die WorkcampteilnehmerInnen ist die Frage über den Frieden, die Gerechtigkeit und die Versöhnungsarbeit keine leere Theorie, sondern eine mit neuen Treffen und Bekanntschaften gefüllte Praxis. ‚Überzeugend sind reale Taten, und nicht Worte, nach denen Leute vergeblich hoffen.’“
Der vollständige Bericht über das Workcamp 2005 ist zu erhalten bei
Ulrike Jaeger
Ev. Jugendbüro Bünde/Ost
Lübbecker Str. 143
32257 Bünde
Das Buch von Jacob Shepetinski: Die Jacobsleiter. Erinnerungen eines Shoah- und Gulag-Überlebenden erschien 2005 im Pano-Verlag, Zürich und wurde gedruckt mit Unterstützung des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerkes (IBB) Dortmund und Minsk




