Aus einem Feind kann ein Freund werden. Predigt über Matth. 5, 38-48, das Evangelium für den 21. Sonntag nach Trinitatis, 16.10.2005
Reinhard Gaede
Die Feinde lieben, für die Verfolger bitten, nachgeben, die Backe dem Schläger noch hinhalten, dem Übel nicht widerstehen - klingt das nicht wie Worte von einem anderen Stern? Noch sind die Folgen des Irak-Krieges täglich sichtbar. Im ehemaligen Jugoslawien tobte vor sechs Jahren noch der Bürgerkrieg. Durch unser Land gehen immer wieder Wellen von Gewalt gegen Fremde. Sind die Weisungen Jesu also weltfremde Sprüche? Lernt man das nicht schon, seit man als Jugendlicher in eine Prügelei hineingeriet: Nur wer gleich zurückschlägt, wird respektiert? Da kann ich den Presbyter einer Gemeinde in Deutschland verstehen, der sich an einem Sonntag weigerte, diese Worte vorzulesen und den Superintendenten eines Kirchenkreises in Deutschland, der offen bekannte, er könnte diese Worte nicht mehr hören. Kurz zuvor waren sie nämlich in der Tageszeitung abgedruckt worden, weil die christliche Friedensbewegung sich auf sie berufen hatte.
„Was würde eigentlich passieren, wenn wir das einmal täten?“ fragte ein Pastor seine Konfirmanden. Eben noch hatten sie schallend gelacht, als sie das lasen: dem Schläger auch die andere Backe noch hinhalten. Jetzt wurden sie nachdenklich. Dann kam die Antwort: „Der andere würde nicht schlagen.“ Das Gespräch wurde lebendig: „Alles käme durcheinander, wenn man sich so verhielte.“
Es geschah in einem deutschen Gefangenenlager während des Krieges. Die Gefangenen leisteten Zwangsarbeit und abends mussten sie Quälereien eines Wachmanns erdulden. Den einen zog er an der Nase, dem andern gab er einen Tritt in den Bauch. Da kam eines Abends einer der Gefangenen von selbst auf ihn zu und sagte: „Da Sie jeden Tag jemanden schlagen müssen, bitte ich, nehmen Sie heute mit mir vorlieb.“ „Du frecher Franzose!“ kam als Antwort zurück. „Du kannst einmal raten, wie oft ich Dich mit der Reitpeitsche schlage.“ „Das überlasse ich Ihrem Gewissen,“ sagte der Franzose. Er habe kein Gewissen, antwortete der Wachmann. „Doch“, sagte der Franzose, „Sie haben ein Gewissen. Sie haben mich immer noch nicht geschlagen und werden es heute Abend auch nicht mehr tun.“ Dann ging er; der andere sah zu Boden, blass mit zitternden Lippen und Tränen in den Augen. Nach diesem Tag wurde kein Gefangener mehr geschlagen. (E. Spiegel: Gewaltverzicht, Kassel 1987, 2. Aufl.)
Tatsächlich, eben das meint Jesus. In einer Welt des Unrechts und der Gewalt wagt das Unerhörte! Wendet Euch an das Gewissen der Grausamen und Gewalttäter! Tut das Überraschende, das Entwaffnende, indem Ihr das Gewissen rührt, das doch allen Menschen gemeinsam ist. Bisher gab es nur zwei Möglichkeiten: Herrschen oder Beherrscht werden, Gewalt ausüben oder Gewalt erleiden. Jesus zeigt einen dritten Weg: Ein Verhalten, das sich nicht dem Unrecht beugt, überraschenderweise aber keine Gegengewalt anwendet.
Jesus nennt Beispiele aus dem Alltag.
Erstes Beispiel: Normalerweise gilt das Gesetz der Vergeltung. Wir zitieren es auch gerne (Ex. 21, 24): „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Allerdings wird meist nicht erwähnt, dass dies schon eine Form geordneten Rechts ist. Die maßlose Rache, der schon ganze Clans, ja Massen von Menschen zum Opfer gefallen sind, wird durch das Gesetz der Vergeltung eingeschränkt. Der Gewalttäter muss eine Strafe bekommen in der Form einer Ersatzleistung. Was er angerichtet hat, indem er einen Menschen verletzte, muss er wieder gut machen. Jesus fordert dazu auf, auf die Klage, die das ganz Normale wäre, zu verzichten. Der Gewalttäter soll dadurch, dass ihm ein Prozess und eine spürbare Strafe erlassen wird, zur Dankbarkeit und zur Sinnesänderung bewogen werden. Gewiss kann das Recht den Schwachen gegen den Starken schützen. Jesus zeigt eine noch weiter gehende Möglichkeit. Die Lebensverhältnisse werden verändert, dadurch dass zerstörte Beziehungen wieder geheilt werden. Eben zu solchen Schritten ermutigt Jesus.
Ein entsprechender Fall ist die Beleidigung. Für eine einfache Backpfeife kann man den andern verklagen. Wird man aber auf die rechte Backe geschlagen – und das geschieht mit dem Handrücken – ist das nicht nur schmerzend, sondern besonders beleidigend und wird mit doppelter Strafe geahndet. Die Worte Jesu meinen also: Wenn dich jemand zu Unrecht demütigt, überwinde deinen Zorn! Verzichte auf die Wiedergutmachung! Die andere Backe hinhalten, bedeutet nun zweierlei: Schau hin, ich wehre mich ja nicht! Willst du etwa noch mal zuschlagen? Dann tu’s! – Wenn du kannst! Denn das verbietet eigentlich das Gewissen, Wehrlose zu verletzen. Auf die schlagen, die sich nicht wehren, ist unmenschlich. Außerdem ist diese Geste aber ein Zeichen des Muts. Der Verzicht auf Verteidigung bedeutet Bereitschaft, Schmerzen zu erleiden, ist Leidensfähigkeit. Zugleich ist damit aber auch Widerstand angesagt. Wer die Backe hinhält, sagt: Ich beuge mich nicht. Aber ich will auf dieser Ebene die Auseinandersetzung verweigern. Jesus traut es gerade den kleinen Leuten , die oft zu Opfern geworden sind, zu, dass sie den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen. Gewiss, das Risiko ist da: Geschlagen werden. Aber die Chance ist: Aus einem Feind kann ein Freund werden.
Das nächste Beispiel behandelt einen Fall des Armenrechts. Wichtige persönliche Gebrauchsgegenstände dürfen nicht gepfändet werden. Als solcher gilt der Mantel, der zugleich Decke und Unterlage für das Nachtlager ist (Ex. 22, 26 f.) Dadurch dass der Arme gleichsam sein letztes Hemd anbietet, soll dem reichen Prozess-Gegner die Härte seines Vorgehens klar werden. Er soll sich ändern, großzügig werden.
Das nächste Beispiel ist ein Fall aus dem Besatzungsrecht. Die Besatzungsmacht, römische Soldaten, konnte die nächst-besten Passanten als Gepäckträger heranziehen. Jesus meint: Tu freiwillig noch mehr als das, was verlangt wird! Eben das ändert die feindselige Beziehung hin zum Guten.
Letztes Beispiel: Notleidende bitten um Nahrung, damit sie nicht hungern. Wer sich Geld leihen will, bittet doch nur um eine Start-Chance und möchte aus eigener Kraft sich empor arbeiten und das Darlehen zurückzahlen. Gebt also barmherzig den Bitten nach!
Die Beispiele fasst die Aufforderung zur Feindesliebe zusammen. Ganz klar. Die Welt scheidet sich immer wieder in Freunde und Feinde. Aber gerade daran erkennt man Christen und Christinnen. Sie finden sich mit Feindschafts-Verhältnissen nicht ab. Sie greifen zum letzten Mittel. Jeder denkt, sie holen ihre schärfste Waffe. Da beginnen sie damit, aus Feinden Freunde zu machen. – Feindesliebe heißt nicht, den Gegner sympathisch finden. Es heißt nur: Zur allgemeinen Überraschung die Schritte tun, die zeigen: Ich, der Handelnde, verzichte auf Rache. So wie der Niedergeschlagene in einer Autobahnraststätte. Langsam geht er auf den Schläger zu. Jeder wartet auf den Gegenschlag. Da bietet er seinem Gegner eine Zigarette an.
Und nun die Begründung – eine letzte Überraschung. All das ist ja keine neue Moral. Es sind keine gut gemeinten Ratschläge, die Eltern oder Erzieher den Kindern geben. Feindesliebe ist Gottesdienst auf der Straße, in den Häusern, in der Politik, im Alltag. Wer anfängt, aus Feinden Freunde zu machen, erinnert sich, erinnert andere an Gott. Leben ist doch ein Geschenk! Eben das meint Jesus. Der himmlische Vater schenkt Leben. Als der Schöpfer gibt und erhält er Bedingungen des Lebens. Menschen fordern und bezahlen. Gott schenkt. Seine Sonne und sein Regen, sagt Jesus, lassen alle leben, die Guten, aber auch die Bösen – unverdientermaßen. Wer mit der schweren Arbeit beginnt, aus Feinden Freunde zu machen, bringt dem gütigen Gott gleichsam ein Dankesopfer dar. Gewiss ist es nicht leicht. „Es ist leichter, mit Erbsen in den Schuhen nach Einsiedeln eine Wallfahrt zu machen, als der Nachbarin zu verzeihen,“ sagt Leonhard Ragaz in seiner Auslegung der Bergpredigt. Aber Dienst für Gott ist das, was uns so schwer fällt: Die Versöhnung.
So schwer es fällt – dieser Verzicht auf Vergeltung, die Arbeit für Versöhnung und Frieden ist heute die einzige Möglichkeit zu überleben. Denn wenige Menschen können heute schon den größten Schaden anrichten. Zwar ist der Rüstungswettlauf der Großmächte umgekehrt zu Abrüstungsmaßnahmen – gottlob! Aber immer noch gibt’s pro Kopf mehr Sprengstoff als Nahrungsmittel. Und die Summen für Rüstung sind extrem hoch geblieben. Deshalb gibt es zu einer Verständigungs- und Versöhnungspolitik, die sich von der Bergpredigt Jesu anregen lässt, keine Alternative.
Sabine Kuegler berichtet in ihrer Autobiographie „Dschungelkind“ 2005 vom Leben ihrer Familie bei den Fayu in West-Papua/Indonesien. Dieses Volk, das im Urwald noch wie in der Steinzeit lebt, lernt von dem christlichen Missionar und Sprachforscher: Vergebung und Frieden bedeutet Leben ohne Angst mit Freude. Vorher hatte das Gesetz der Vergeltung zwischen den Stämmen fast zur Ausrottung der Männer geführt. In der entscheidenden Stunde stellt sich der Missionar zwischen die gegnerischen Fronten der mit Pfeilen aufeinander zielenden Krieger und durchtrennt mit seinem Buschmesser Bogensehnen. Seine Autorität macht den Wohnbereich seiner Familie zu einem Ort des Friedens.
Als der Missionar Don Richardson 1962 mit seiner Frau Carol seine Arbeit unter dem Volk der Sawi auf der Insel Neuguinea begann, war er zuerst entsetzt. Es galt dort als Heldentat, wenn ein Mann sich mit einem Feind, dem er schaden wollte, zunächst anfreundete, um dann den Ahnungslosen ohne Vorwarnung hinterhältig zu töten. Als diese Menschen von Judas hörten, betrachteten sie ihn als Helden. War es ihm doch gelungen, Jesus hinters Licht zu führen und ihn an seine Feinde auszuliefern. Aufrichtigkeit, Treue galten als Schwäche. Jede Freundschaftsbezeugung war verdächtig. Nur eine Ausnahme gab es: Wenn ein Mann seinen eigenen Sohn seinen Feinden übergab, konnte man diesem Mann trauen. Und jeder, der seine Hand auf das so übergebene Kind legte, war verpflichtet, gegen den Geber keine Gewalt zu üben. Allerdings beruhte der Frieden darauf, dass das Friedenskind am Leben blieb. Don Richardson sah nun seine Aufgabe. Er sollte den Menschen dort von dem Friedenskind berichten, dessen Geist sie in ihre Herzen aufnehmen konnten, dem Friedenskind für alle Zeiten, Jesus, in dem die Gemeinde den vom Propheten Jesaja erwarteten Friedefürsten anerkennt.
Was Christus gebietet, das bietet er; Frieden als Leben. Denen, die ihm folgen, gibt er eine neue Identität. Wir werden nicht mehr eingeteilt als Reiche oder Arme, Einheimische oder Fremde, Herrschende oder Beherrschte. Als Kinder Gottes werden wir angeredet, eingeladen als Schwestern und Brüder in seinem Reich, das wachsen soll als Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.
Jesus hat eine Vision vom Menschen vorgelegt, die bis heute nur angedeutet, nicht vollendet ist. „Vollkommen sein wie der Vater im Himmel.“ Also Engel, Also Boten Gottes. Flügel brauchen sie nicht. Aber sie verändern die Welt, indem sie an der Barmherzigkeit Gottes teilhaben, von der Barmherzigkeit Gottes leben und sie widerspiegeln. „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Amen




