1. Geschichtliche Perspektiven
Das Christentum war in seiner zweitausendjährigen Geschichte schon immer ein bedeutender politischer Machtfaktor. Darauf hat neuestens Heiner Geißler in seinem Buch "Das nichtgehaltene Versprechen. Politik im Namen Gottes" wieder einmal eindrucksvoll hingewiesen. Die christlichen Kirchen - wie die anderen Religionen - können sich offiziell noch so apolitisch und transzendentbezogen verstehen: Faktisch waren und sind sie immer eine politische Größe.
Was die Katholische Kirche in Deutschland betrifft, war sie im 19.Jahrhundert aufs Ganze gesehen sowohl dem aufklärerischen Liberalismus wie dem entstehenden Sozialismus gegenüber völlig ablehnend. Mit der Enzyklika "Mirari vos arbitramur" von 1832 (Papst Gregor XVI.) wurde die Forderung nach Gewissensfreiheit als "Wahnsinn" abgetan. Im "Syllabus" von 1864 (Papst Pius IX.) wurde der Sozialismus verworfen.
Aber es gab auch immer wieder Theologen, die sich für eine Annäherung zwischen Christentum und Sozialismus einsetzten, ja sich teilweise selbst als Sozialisten bekannten. Erwähnt seien beispielsweise Christoph Friedrich Blumhardt (1842 - 1919; evangelisch), Heinrich Pesch (1854 - 1926; katholisch), Martin Buber (1878 - 1965; jüdisch), Paul Tillich (1866 - 1965; evangelisch), Karl Barth (1886 - 1968; evangelisch), Walter Dirks (1901 - 1991; katholisch). Karl Barth zum Beispiel vertrat mehrmals öffentlich die Forderung, dass ein wirklicher Christ Sozialist werden müsse, wenn er mit dem Wesen des Christentums ernstmachen wolle. 1919 schrieb Karl Barth: "Entweder das ist Gott, was das Neue Testament so nennt. Dann bedeutet aber ‘Gott’ die Umkehrung nicht nur weniger, sondern aller Dinge, die Erneuerung der ganzen Welt, eine Veränderung des Baus, bei dem kein Stein auf dem anderen bleiben kann. Dann bedeutet Glauben das Einstehen für diese Umkehrung, die Vorbereitung darauf, das Rechnen damit als mit der sichersten Tatsache. Dann haben aber die Sozialdemokraten recht und nicht die Sozialreformer, ja dann sind die radikalsten Sozialdemokraten noch nicht radikal genug, dann ist das Bekenntnis zur Sozialdemokratie nur eine kleine, selbstverständliche, sehr ungenügende, ärmliche und vorläufige Abschlagszahlung auf das, was ein ‘Christ’ heute seinem Glauben schuldig ist".
1947 veröffentlichte Walter Dirks auf katholischer Seite einen Artikel "Marxismus in christlicher Sicht". In diesem Artikel betont Walter Dirks, dass Karl Marx der erste war, der von der proletarischen Existenz aus gedacht hat. Und dies in einer Person, die gerade noch das bürgerliche Denken in seiner Fülle und in seiner Reife selbst erfahren hat, nämlich im Deutschen Idealismus, vor allem in seinem letzten und grössten Systematiker Hegel. Walter Dirks stellt eine geheimnisvolle Nähe zwischen Karl Marx und dem Christentum fest, "denn Karl Marx gewann seinen Lebensinhalt durch einen Akt, der eine tiefe Verwandtschaft mit einem wesentlich christlichen Akt hat: durch einen Akt der Gleichsetzung mit dem anderen, mit dem Nächsten, durch einen Akt der Entäusserung, durch ein Opfer. Der sogenannte Materialismus von Karl Marx lässt sich - nach Walter Dirks - als Realismus verstehen. Denn auch Christus vermehrt nicht die hohen Dichtungen, Denksysteme und Bildwerke, sondern Brot und Wein.
2. Die Theologie der Befreiung
Die Theologie der Befreiung, die Anfang der siebziger Jahre in Lateinamerika entstanden war, ist nur auf dem Hintergrund der vielfachen Unterdrückung der Menschen in diesem Kontinent zu verstehen. Zu nennen sind hier vier Dimensionen dieser Unterdrückung: der Rassismus, das kapitalistische Wirtschaftssystem, die damaligen Militärdiktaturen sowie der nordamerikanische Imperialismus.
Zwar ist die Theologie der Befreiung nicht zu identifizieren mit dem Sozialismus irgendwelcher Art. Aber dennoch kommt ihr eine gewisse Nähe zum Sozialismus insofern zu, als nicht nur bei den Theologen der Befreiung, sondern auch in offiziellen Verlautbarungen der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen von Medellin (1968) und Puebla (1979) eine klare Kritik des kapitalistischen Wirtschaftssystems vorgenommen wird. Ein Zweig der Theologie der Befreiung ist die Bewegung "Christen für den Sozialismus", die 1970 in Chile entstand aus einer Gruppe von 80 Priestern, die sich im chilenischen Wahlkampf für die Sozialistische Partei einsetzte. Im April 1971 schlossen sie sich in Chile zur Gruppe "Christen für den Sozialismus" zusammen zur Unterstützung der Politik zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. Wenig später entstanden Gruppen mit dem gleichen Namen auf der ganzen Welt, so auch in der damaligen Bundesrepublik Deutschland 1973. In dem Schlussdokument des Ersten Lateinamerikanischen Kongresses der "Christen für den Sozialismus", der vom 23. - 3o. April 1972 in Santiago de Chile stattfand, lesen wir unter anderem folgendes:
"Wir verpflichten uns zum Aufbau des Sozialismus, weil der Sozialismus durch historische Erfahrung objektiv begründet ist und weil wir nach gründlicher wissenschaftlicher Analyse im Sozialismus die einzig wirksame Möglichkeit sehen, den Imperialismus zu bekämpfen und unsere Abhängigkeit zu beenden."
3. Katholische Soziallehre
Die Katholische Soziallehre war dem Sozialismus noch nie freundlich gesinnt. So heisst es etwa in der Enzyklika "Rerum novarum" (Papst Leo XIII., 1891): "Wenn also die Sozialisten dahin streben, den Sonderbesitz in Gemeingut umzuwandeln, so ist klar, wie sie dadurch die Lage der arbeitenden Klassen nur ungünstiger machen." Auf der anderen Seite wird in derselben Enzyklika klar von der Ausbeutung der Arbeiter gesprochen. Auch in den späteren Sozialenzykliken, vor allem in diesem Jahrhundert, wurde der Sozialismus nie gutgeheissen. Aber in der Enzyklika "Laborem exercens" (Papst Johannes Paul II., 1981) trägt das Kapitel 12 die Überschrift "Der Vorrang der Arbeit". Es heisst dort: "Dieses Prinzip (sc. des Vorranges der Arbeit) betrifft unmittelbar den Produktionsprozess, bei dem die Arbeit immer den ersten Platz als Wirkursache einnimmt, während das Kapital, das ja in der Gesamtheit der sachlichen Produktionsmittel besteht, bloss Instrument oder instrumentale Ursache ist. Dieses Prinzip ist eine offensichtliche Wahrheit, die aus der ganzen geschichtlichen Erfahrung des Menschen erfliesst." Auch in der neuesten Enzyklika "Centessimus annus" (Papst Johannes Paul II., 1997) wird in der Nummer 53 der eindeutige Primat des Menschen über das Kapital zum Ausdruck gebracht.
4. Systematische Bemerkungen
Der Begriff Sozialismus deckt eine Fülle von Vorstellungen und Wirklichkeiten ab: vom Nationalsozialismus über einen religiösen Sozialismus, einen demokratischen Sozialismus, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz bis hin zu einem marxistischen, leninistischen, maoistischen und stalinistischen Sozialismus.
Für mich enthält der Begriff Sozialismus vor allem vier Elemente:
- Die gesamte, uns bekannte Menschheitsgeschichte war bestimmt durch eine Herrschaft von Menschen über Menschen, durch die Herrschaft von sozialen Klassen über andere soziale Klassen, verursacht vor allem durch ganz bestimmte ökonomische Strukturen. Diese Klassengesellschaft besteht auch heute noch in der Bundesrepublik Deutschland, wenn auch in einer Gestalt, die differenzierter und sublimer ist als die Gestalt, die Karl Marx in seiner Analyse der damaligen Gesellschaft gab.
Sozialismus aber wendet sich gegen jede Gesellschaftsform, die eine Herrschaft von Menschen über Menschen beinhaltet, ermöglicht oder sanktioniert.
Hegel analysiert in der "Phänomenologie des Geistes" das Herrsein und das Knechtsein tiefsinnig, wenn auch zu idealistisch. Herrsein und Knechtsein sind die "zwei entgegengesetzten Gestalten des Bewusstseins; die eine das Selbständige, welchen das Fürsichsein, die andere das Unselbständige, dem das Leben oder das Sein für ein Anderes das Wesen ist; jenes ist der Herr, dieser der Knecht."
Sozialismus wendet sich gegen jede Gesellschaftsform, die eine Herrschaft von Menschen über Menschen beinhaltet, ermöglicht oder sanktioniert. Dabei ist es klar, dass es in jeder Gesellschaft zwar keine Herrschaft, aber rational begründbare, zeitlich begrenzte und ständig kontrollierte Macht und Machtausübung geben muss. - Aus dem Kampf gegen die Herrschaft von Menschen über Menschen ergibt sich notwendigerweise, dass für den Sozialismus die Menschen nicht länger als Spielball undurchschaubarer Mächte betrachtet werden dürfen, sondern alle Menschen prinzipiell Subjekt der Geschichte sind. Nicht nur im staatlichen Bereich, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen ist deshalb eine Fundamentaldemokratisierung notwendig, aufgrund derer alle betroffenen Menschen ihre Interessen artikulieren, ihre Konflikte austragen und mehrheitliche politische Entscheidungen treffen können.
- Da für die Klassengegensätze und die Klassenkonflikte die ökonomischen Strukturen eine so grosse Rolle spielen und Klassengegensätze vor allem auch durch die Frage des Eigentums an den Produktionsmitteln und den Dienstleistungsbetrieben bestimmt sind, ist der Abbau des Privateigentums an den Produktionsmitteln und den Dienstleistungsbetrieben und eine demokratische Kontrolle über sie in dem Maße zu verwirklichen, in dem es zu einer Demokratisierung der Gesellschaft notwendig ist.
- Als im Prinzip schon von Karl Marx erkanntes, aber ausserordentlich verschärftes Problem stellt sich für den Sozialismus von heute die dringend notwendige Aufgabe, gegen die politischen und vor allem ökonomischen Abhängigkeitsstrukturen auf internationaler Ebene, vor allem im Nord-Süd-Konflikt anzugehen, die emanzipatorischen Bewegungen in der Dritten Welt zu unterstützen und für mehr Gerechtigkeit im internationalen politischen und ökonomischen System sich einzusetzen.
Auf dem Hintergrund dieses Verständnisses von Sozialismus, das ich hier nur in groben Zügen andeuten konnte, möchte ich als Antwort auf die Frage "Muss ein Christ Sozialist sein?" folgende These formulieren:
These:
Zwar besteht zwischen zentralen Aussagen der alttestamentlichen und neutestamentlichen Traditionen einerseits und den Zielen des Sozialismus andererseits ein hoher Grad an Entsprechung. Dennoch ist der Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis des christlichen Glaubens einerseits und Theorie und Praxis des Sozialismus andererseits nicht notwendigerweise gegeben.
Hoher Grad an Entsprechung zwischen Christentum und Sozialismus
Ich möchte zunächst an einigen wichtigen Punkten aufzeigen, dass es einen hohen Grad an Entsprechungen zwischen Christentum und Sozialismus gibt.
- Schon im Alten Testament, verstärkt im Neuen Testament, finden wir als entscheidendes Leitmotiv für das soziale Verhalten die menschliche Solidarität, vor allem die Solidarität mit den Entrechteten und den Opfern der Herrschaft von Menschen über Menschen. Im Alten Testament zum Beispiel nimmt der Prophet Amos für die Entrechteten Partei und sagt den Palästen der Könige den Kampf an. Jesus von Nazaret verkündet, aufbauend auf diesen prophetischen Traditionen, dass Gott auf der Seite der Opfer steht: Auf der Seite der Armen, der Hungernden, der Unterdrückten, der Unglücklichen und Rechtlosen. Die Satten und Reichen, die gut lachen haben, die sozial Privilegierten, sind diesem parteilichen Gott zuwider. Er wird die Ersten zu Letzten und die Letzten zu Ersten machen.
- Schon die Propheten erinnerten an das Gebot der Gleichheit und der sozialen Symmetrie. Sie treten ein für die Freilassung der Sklaven und für die Schutzbestimmung zugunsten sozial Schwacher. Nach Levitikus 25,10 soll in jedem 49. Jahr ein jeder wieder zu seinem Eigentum und ein jeder wieder zu seiner Sippe kommen. Auch Jesus tritt für diese Verhaltensmuster ein, vor allem in der Bergpredigt.
- Die genuin jüdisch-christlichen Traditionen wenden sich gegen jegliche Art von Herrschaft von Menschen über Menschen. Im Alten Testament sind die religiösen und staatlichen Einrichtungen nicht sakrosankte, sinngebende Heilsanstalten, sondern Gebilde, die sich im Zusammenhang der Befreiungsgeschichte ausweisen müssen. Sie können theologisch kritisiert und geschichtlich hinderlich werden. Dadurch, dass Jesus das Kommen der Herrschaft Gottes proklamiert, relativiert er jegliche Machtausübung in der menschlichen Gesellschaft und lehnt jegliche Herrschaft von Menschen über Menschen ab. Zwar ist das Wort bei Markus 10,42 - 44 sicher zunächst im Hinblick auf die kirchliche Gemeinde konzipiert: "Ihr wisst, dass die, welche als Herrscher der Völker angesehen sind, ein Gewaltregiment über sie ausüben und dass die Grossen sie vergewaltigen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer unter euch der Größte sein will, sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, sei der Knecht aller." Aber indem die Gemeinde Jesu von einem Versuch herrschaftsfreier sozialer Interaktion ausgeht, setzt sie damit auch Maßstäbe für die gesamte Gesellschaft. Dabei ist zu beachten, dass die Tatsache der Proklamierung der Herrschaft Gottes gerade nicht eine Heteronomie des Menschen bedeutet, sondern damit gleichzeitig die Autonomie des Menschen verkündet wird. Der Gott Jesu ist nicht ein Moloch, der nur Untertanen neben sich dulden kann, sondern der Gott Jesu will die Autonomie und Freiheit und Grösse des Menschen.
- Die genuinen jüdischen und christlichen Traditionen haben eine dynamische Sicht vom Ablauf der Geschichte der Menschheit. Die alttestamentlichen Traditionen verstehen sich vom Auszug aus Ägypten und der Gesetzgebung auf dem Sinai her und leben auf die Hoffnung einer endgültigen Befreiung hin. Das Leben des jüdischen Volkes ist geprägt durch die Erinnerung an diese Freiheitserfahrung und durch die Aufgabe, diese Freiheit unter allen künftigen Umständen durchzusetzen.
Jesu Botschaft von der Gottesherrschaft läuft auf die Forderung der Umkehr hinaus (Markus 1,15). Diese Umkehr führt aber den Einzelnen nicht in die Innerlichkeit privater Buße, sondern in seine soziale Umwelt hinein. Das Einlassen auf die Sache Jesu fordert zur Kritik und Korrektur der politischen Strukturen heraus. Die Umkehrforderung verlangt das Abweichen vom bisher Gültigen, sie verletzt Tabus und erlaubt bisher unzulässiges öffentliches Verhalten.
Ich will es mit diesen vier Elementen hier bewenden lassen. Sicher könnte man noch mehr Entsprechungen zwischen Christentum und Sozialismus aufzeigen. Ich kann es mir hier auch ersparen, die Entsprechung dieser biblischen Elemente mit Zielen der sozialistischen Bewegung aufzuzeigen.
Im folgenden möchte ich nun aber noch einige wichtige Argumente für den zweiten Teil meiner These anführen, dass nämlich trotz dieses hohen Grades an Entsprechungen zwischen Christentum und Sozialismus doch der Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis des christlichen Glaubens einerseits und Theorie und Praxis des Sozialismus andererseits nicht notwendigerweise gegeben ist.
- Die Menschen haben in diesem Jahrhundert so schlimme, zum Teil grauenhafte Erfahrungen mit verschiedenen Formen des Sozialismus gemacht, dass gerade diese Erfahrungen uns hüten sollten, einer vorschnellen Identifizierung von Christentum und Sozialismus Vorschub zuleisten. Gerade auch für diejenigen, denen es nicht nur um die reine Theorie, sondern immer auch um die Dialektik von Theorie und Praxis geht, ist dieses Argument von Bedeutung. Das Gegenargument, dass auch im Namen des Christentums kaum vorstellbare Unmenschlichkeiten begangen wurden, trifft zwar der Sache nach zu, müsste aber eigentlich zu der Konsequenz führen, die Leitvorstellungen des christlichen Glaubens nicht vorschnell mit irgendeiner Art von institutionalisiertem Christentum oder Sozialismus zu identifizieren.
- Christen wie Sozialisten, die in Europa leben, dürfen nicht hinter die theoretischen wie faktischen Errungenschaften der europäischen Traditionen, der Aufklärung und der bürgerlichen und sozialen Revolutionen des 18. bis 20. Jahrhunderts zurückfallen. Um es mit einem Begriff von Habermas zu sagen: Die "alteuropäische Menschenwürde" darf nicht preisgegeben werden. Das verbietet es aber, dogmatistisch eine bestimmte politische Bewegung als "alleinseligmachende" zu erklären und andere humanistische Bewegungen in ihrer Bedeutung nicht anzuerkennen oder ihnen womöglich ihre Existenzberechtigung abzusprechen.
- "Die Wahrheit ist konkret." Diese Feststellung, selbst wenn sie von Lenin stammt, ist richtig. Wenn ich von Sozialismus spreche, kann ich dies nicht abstrakt und theoretisch tun, sondern muss Ross und Reiter nennen, das heisst, ich muss konkret bezeichnen, welchen heute politisch relevanten Sozialismus ich meine, und ich muss mich in ihm engagieren. Dies verbietet mir aber noch einmal, eine konkrete Form des Sozialismus mit dem Christentum schlechthin identifizieren.
- Angesichts der "condition humaine", angesichts der bodenlosen Ambivalenz des menschlichen Lebens, angesichts der geschichtlichen Erfahrungen der Menschen, angesichts der Erfahrung meiner eigenen Bedingtheit und Begrenztheit ist es unmöglich, dass eine Person sich mit einem Menschen, einer Gruppe von Menschen, einer religiösen oder politischen Bewegung oder Institution total identifiziert. Das gilt für den Christen verstärkt, weil er sich unter dem eschatologischen Vorbehalt weiß, das heißt, weil er in dem Wissen lebt, denkt und handelt, dass eine endgültige Vollendung seines eigenen Menschseins und des Lebens seiner Mitmenschen noch aussteht und von ihm allein nicht geleistet werden kann. Dieses Wissen sollte den Christen einerseits zu einer Leidenschaftlichkeit seines Einsatzes für eine menschlichere Welt führen, ihm andererseits aber auch eine Gelassenheit geben, weil eben nicht alles allein von ihm abhängt.
- Wenn man von der Überzeugung ausgeht, dass jede Christin und jeder Christ Sozialist sein muss und wenn man ferner voraussetzt, dass Christsein prinzipiell ohne Kirche nicht denkbar ist, dann macht man faktisch die Kirche zu einer Sekte und gibt ihren prinzipiell öffentlichen Charakter auf. Kirche ist nicht nur eine Angelegenheit von Männern und Frauen, von Griechen oder Nichtgriechen, von Armen oder Reichen, aber auch nicht eine Angelegenheit von Sozialisten oder von Nichtsozialisten.
- Christlicher Glaube ist keine totalitäre Ideologie und kein autoritärer Dogmatismus. Weil er dies nicht ist, sondern vielmehr Einladung, Motivation, Stimulation, Inspiration, deshalb verbietet es sich, aus dem christlichen Glauben ein eindeutiges, konkretes politisches Programm ableiten zu wollen. Es liegt der Verdacht nahe, dass diejenigen, die den notwendigen Zusammenhang von Christentum und Sozialismus behaupten, die - abzulehnende - Lehre von der alleinseligmachenden Kirche nun auf den alleinseligmachenden Sozialismus übertragen, das heisst den Sozialismus mit einer autoritären, totalitären, religiös motivierten Ideologie befrachten. Das wäre verhängnisvoll.
- Wer - wie ich - die Kirche auch und gerade versteht "als öffentliche Zeugin und Tradentin einer gefährlichen Freiheitserinnerung in den ‘Systemen’ unserer emanzipatorischen Gesellschaft", und wer Theologie versteht als politische Theologie im Sinne einer kritisch-emanzipatorischen Reflexion der Sache Jesu im Hinblick auf ihre politische Relevanz in unserer gesellschaftlichen Situation, gerade dem kann nicht daran gelegen sein, dass sich Kirche und Theologie mit einer bestimmten politischen Bewegung oder Partei identifizieren, weil Kirche und Theologie gerade dann ihr kritisches Potential aufgeben würde.
- Im Zentrum der Botschaft Jesu steht die Proklamation der Herrschaft Gottes, eine Wirklichkeit, die in und durch Jesus zwar schon partiell in dieser Welt verwirklicht, deren Vollendung aber noch aussteht und bewirkt wird durch eine Wirklichkeit, die alle Kräfte und alle Vorstellung des Menschen überschreitet. Nach den Aussagen des kommunistischen Manifestes tritt "an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden Bedingung für die freie Entwicklung aller ist". Beide Wirklichkeiten widersprechen sich nicht, aber zwischen beiden besteht ein qualitativer Sprung, der zu übersehen für beide Wirklichkeiten verhängnisvoll wäre.
Schluss
Ich möchte mit einer persönlichen Bemerkung schließen. Ich bin in einem gutbürgerlichen, sehr katholischen Milieu aufgewachsen bis hin zum Ende meiner Studienzeit. In einem langwierigen, komplizierten und konfliktreichen Lernprozess bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass Christentum und Sozialismus sich nicht nur nicht widersprechen, sondern viel voneinander lernen können und dass zur Lösung der anstehenden gesellschaftlichen Probleme eine Politik aus sozialistischer Perspektive notwendig ist. Ich habe mich für den demokratischen Sozialismus entschieden, weil dies der Weg ist, der meiner Meinung nach am ehesten die Möglichkeit bietet, politische Reformen in sozialistischer Perspektive durchzuführen. Deshalb bin ich - aus christlicher Motivation heraus - Mitglied der SPD geworden (1975). Ich habe aber nicht den Mut zu sagen, dass es alle anderen Christen auch wie ich tun sollten. Ich halte es mit Kardinal Newman, den man zu einem Trinkspruch auf den Papst aufforderte und der dann antwortete: "Mit Verlaub: Zuerst auf das Gewissen, und dann auf den Papst." Nun steht der Papst nicht in Gefahr, für den Sozialismus zu optieren. Aber es gibt auch sozialistische "Päpste", die päpstlicher sind als der Papst. Davor sei gewarnt!
Norbert Greinacher ist emeritierter Professor für Praktische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen.
Aus: CuS 1/1998




