Eindrücke während der Fahrten außerhalb der Hauptstadt
Man findet sehr viele defekte LKWs, einmal habe ich innerhalb von 45 Minuten 15mal gesehen, daß eifrig repariert wurde: Der Not gehorchend auf 3 Steinen aufgebockt, so daß die Reifen an der Straße geflickt werden können etc. Sehr häufig fehlt mindestens einer der Doppelreifen. Lichtanlagen, auch bei den Bussen, sind fast alle außer Betrieb. Die Fernstraßen sind größtenteils in gutem Zustand (von Pjöngjang nach Hyangsan in den Norden ist eine überdimensionale Autobahn gerade fertiggestellt - nur die Autos fehlen). An den Straßenrändern gibt es häufig lange Streifen mit blühenden Sommerblumen (von den vielen Menschen, die hier ständig entlanglaufen, sorgsam gepflegt). An sämtlichen Einfahrtsstraßen in die Hauptstadt finden Kontrollen statt. Der Aufenthalt in der Stadt ist genehmigungspflichtig und zeitlich begrenzt. Auf diese Weise wird dem unkontrollierten Zustrom - wie man dies aus anderen Ländern kennt - entgegengewirkt. Alle anderen Provinzen dürfen bereist werden - allerdings auch hier mit einer Genehmigung, die wohl sehr leicht zu erhalten ist.
Im Sommer gibt es sehr hohe Emissionswerte in der Stadt (es ist nicht möglich, bei offenem Fenster zu arbeiten), mangels Filteranlagen an den Fabrikschornsteinen, oft auch wegen vorübergehender Stromsperren oder Wassercuts.
Der Mais wird am Seitenstreifen der Straße zum Trocknen ausgebreitet, die gelben Streifen sind ein schöner Anblick. Die Maisfelder werden sofort nach dem Einholen des Maisstrohs (mit Ochsenkarren) wieder mit Gemüse und Salat bestellt. Vor allem auf der Fahrt nach Chongdan durch die Hauptanbaugebiete fiel mir auf, daß sehr viele Menschen mit einfachsten Handgeräten und Ochsenpflügen die Felder eifrig abernteten, neu bestellten oder Wildpflanzen entfernten. Die gleiche Emsigkeit auch bei der Reparatur der Straßen oder der Befestigung des Bahndammes. Selbst kleinere Kinder sind dabei und bringen größere Steine mit einfachsten Handkarren heran. Unterwegs entdeckte ich auch verschiedentlich neue Häuser. Geheizt werden diese Häuser nur über den Küchenherd (also nur ein Zimmer, vielleicht auch das angrenzende), alles andere bleibt im Winter kalt - und das über 2 Monate hinweg bei Temperaturen von -20 bis -30°C !
Nicht selten sah ich an den Weg- und Feldrändern vor allem ältere Frauen, die Pflanzen suchten und in Säcken auf dem Rücken nach Hause trugen. Zum Teil wohl Heilpflanzen, zum Teil aber auch Nahrungsmittel. Der Boden um das Haus herum wird für eigene Zwecke intensiv genutzt. Vor allem die Häuser in den Dörfern sind meistens mit Rankegewächsen (Kürbis und Bohnen) total überwuchert, auf den Dächern leuchten in diesen Tage zum Trocknen ausgelegte knallrote Pfefferschoten oder gelbe Maiskolben.
Am Straßenrand stehen häufig große Gemälde, die zeigen, daß der "große Führer" die Menschen an der Basis besucht hat, zum Beispiel die Reisbauern oder die Fabrikarbeiter.
Staatsideologie
Kim II Sung prägte eine besondere Staatsideologie, die sogenannte "Juche-Ideologie": der Mensch, das Land vermag alles aus sich selbst. Dies führt einerseits natürlich zur intensiven Besinnung auf die eigenen Möglichkeiten, zur Bewältigung diverser Probleme und infolgedessen auch zu auf das Land zugeschnittenen Lösungen, aber es führt auch in Abkapselung und Abschottung. Deutlich wurde mir dieses z.B. auch beim Besuch des Palastes der Völkerfreundschaft in Hyangsan, wo über 200.000 zum Teil unbeschreiblich kostbare und schöne Dinge aufbewahrt werden, die der ehemalige Führer Kim II Sung aus den verschiedensten Ländern als Geschenk erhalten hatte. Diese Artikel werden in prunkvollen Marmorsälen, nach Kontinenten und Ländern geordnet, aufbewahrt, unter anderem zwei Original-Eisenbahnwagen (Geschenke von Mao und von Stalin). Zitat: "Andere geben viel Geld aus, um die Kultur in fernen Ländern kennenzulernen. Wir haben alles hier konzentriert und brauchen deshalb nicht zu reisen."
Ich erlebte mehrfach, wie sehr die Menschen diesen Führer und diese Ideologie verehren, ja, ihn in einer religiösen Form ehren, auch noch 3 Jahre nach seinem Tod. Alles, was Kim II Sung und sein Sohn Kim Jong Il (er ist auch nach Beendigung der dreijährigen Trauerzeit bisher noch nicht öffentlich aufgetreten) sagen und anordnen, wird befolgt. Diese Anordnungen versteht man als Anweisungen des "Großen Führers", der das Volk weitsichtig aus den Problemen hinausführt. Und dies kann auch positive Auswirkungen haben. Infolge der Flutkatastrophe berichtete die Weltpresse von einem Typhusausbruch in der DVR-Korea. Ein WHO (World Health Organisation, Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen) -Team flog ein und forschte nach, konnte aber keinen einzigen Fall dokumentieren. Der Führer hatte nämlich vor dem Wasser gewarnt und das Volk zum Abkochen angehalten - und alle hatten es befolgt.
Ein zweites Beispiel: Ich sah an verschiedenen Stellen, vor allem auf Fabrikgeländen, Menschen, die mit Handgeräten Tonziegel formten, um letztlich "Green Houses" zu bauen. Nach einigem Rätselraten und Entdecken einiger fertiger Gebäude war mir klar, um was es sich handelte: Gewächshäuser. Diese Empfehlung kam von "ganz oben" und ist äußerst sinnvoll, denn dadurch kann die kurze zum Anbau von Nahrungsmitteln nutzbare Zeitperiode (150 bis 180 Tage im Jahr) bedeutend gestreckt werden.
In vielen Gesprächen gewann ich den Eindruck, daß diese zentrale Ordnung, die Staatsideologie sehr stark im Volk verwurzelt ist - auch wenn sie, jedenfalls nach unserem Dafürhalten, kaum Raum für Individualität und Spontaneität läßt.
Transportsysteme
In der Stadt existiert ein öffentliches Personenbeförderungssystem. Es gibt Busse und Trolleys (mit sehr hohen technischen Ausfällen), Straßenbahnen (ständig überfüllt) und zwei Metrostrecken. Die Metrostationen liegen 100 Meter unter der Erde, die Hallenwände sind kunstvoll gestaltet (z.B. Mosaikreliefs). Die Eisenbahn funktioniert - ob pünktlich, kann ich nicht beurteilen, aber ich hörte sie von meinem Hotelzimmer aus auch sehr häufig nachts. Die Transsibirische Eisenbahn endet in Pjöngjang ! Eine Halbjahreskarte für das Stadtnetz kostet 15 Won (= ca. 10 DM); das durchschnittliche Monatsgehalt liegt bei 100 bis 300 Won.
Naturkatastrophen
Hagel 1994: Ein enormer Hagel vernichtete fast alle Vorräte, sehr viele Ziegen wurden durch die großen Hagelkörner getötet.
Flutkatastrophen 1995/1996: Im Normalfall fallen in der DVR-Korea im Jahr 1.000-1.500 mm/qm Niederschlag. In diesen beiden Jahren gingen an einem einzigen Augusttag Regenmengen bis zu 700 mm nieder. Das Land ist zu 80% mit Gebirge bedeckt. Und von hier strömte es flutartig in die Niederungen, so daß viele Flüsse über die Ufer traten, Staudämme brachen, Dörfer und fruchtbare Felder durch Schlamm und Geröll zerstört wurden. Ich sah Auswirkungen in der Nähe von Utpa im Südwesten, wo einige Brücken schon wieder neu errichtet, aber die Felder immer noch nur bedingt bebaubar sind.
In Pjöngjang selbst konnte nur ein massiver Personaleinsatz mit Sandsäcken verhindern, daß der Tae-Dong über die Ufer trat. In Uiju nahe Sinuju wurden zwei Pharmafabriken von den Wassermassen zerstört, ebenso die Anlagen, die Chlorkalk zur Trinkwasserreinigung produziert hatten. Die Überschwemmungen führten zu starken Kontaminierungen der Trinkwasserreservoirs - bis zum heutigen Tag ist die Versorgung mit sauberem Trinkwasser eines der Hauptprobleme des Landes, das auch vor der 2,2 Millionen Hauptstadt nicht Halt macht.
Die Nahrungsmittelreserven wurden größtenteils vernichtet. Viele Kinder und ältere Menschen hungerten, und nicht wenige verhungerten. Deshalb wurde 1995 zum ersten Mal in der Geschichte der Republik ein Hilferuf an die internationale Öffentlichkeit gerichtet. Er fand Gehör.
Internationale Hilfe, z.B. durch WFP (World Food Program) , UNDP (United Nations Development Program) und ACT/DDW (Action Churches Together / Diakonie - Katastrophenhilfe), konnte die Lage ein klein wenig stabilisieren. Saatgut- und Düngerlieferungen sowie die Einführung des double-crop-systems (2 Ernten im Jahr) versprachen eine Verbesserung. Der Direktor des FDRC (Flood Damage Rehabilitation Committee der koreanischen Regierung) äußerte mir gegenüber mehrfach große Anerkennung und Dankbarkeit für all diese Unterstützungen, die ja auch über das Diakonische Werk der EKD bzw. ACT (Action Churches Together) getätigt wurden. Auch die Regenmengen Anfang 1997 deuteten auf eine Normalisierung hin. Kenner prognostizierten eine für die bescheidenste Grundversorgung der Menschen ausreichende Nahrungserzeugung für 1997. Doch Naturkatastrophen in diesem Jahr machten alle Hoffnungen zunichte.
Dürre: 1997 regnete es bis zum April normal, im Mai sogar überdurchschnittlich stark. Man erwartete deshalb starke Niederschläge bis in den Sommer hinein (das wäre für die Regenzeit normal) und hielt die Wasserpegel in den Auffangbecken künstlich niedrig. Ab Mitte Juni setzte dann jedoch eine Dürre ein (vor allem von Juni bis August braucht die Landwirtschaft das Wasser für den Mais und auf den Reisfeldern). Die Niederschlagsmengen sanken bis Ende September auf 14 bis 40 %. Dadurch ist der Mais weitgehendst vertrocknet, die Bewässerung der Reisfelder zum Teil nicht mehr möglich. Hinzu kam eine Steigerung der Durchschnittstemperatur um rund 8°C gerade in den für die Nahrungsentwicklung kritischen Monaten Juni und Juli.
Diese Dürreperiode ist die erste nach 60 Jahren; sie steht in direktem Zusammenhang mit der Warmwasserströmung im Südpazifik mit dem Namen El Niño, die auch Papua-Neuguinea, Indonesien, Nordkorea und Südchina in diesem Jahr eine außerordentliche Trockenheit brachte und in Chile und Peru zu Überschwemmungen führte.
Taifunausläufer 1997: Vom 18. bis 22. August 1997 wütete ein Taifunausläufer (Winnie) vor allem in den landeswichtigen Agrargebieten an der Westküste - der erste nach 74 Jahren. Auf etwa 200 km Küstenlänge überzog eine bis zu 6 m hohe Flutwelle die fruchtbaren Reisfelder 5 km tief mit Salzwasser. Wasserproben ergaben einen Salzgehalt von 30/1000; der Salzgehalt von Seewasser liegt bei 35/1000, also nur unwesentlich höher als der auf den Reisfeldern ermittelte Wert. Es wird viele Jahre dauern, bis diese Felder wieder salzfrei gewaschen sind - sofern das überhaupt möglich ist. Diese Flächen scheiden also als Nahrungsspender für mehrere Jahre aus. Viele Häuser in Küstennähe, vor allem in den Kreisen Anju und Mundok, wurden zerstört, einige Tausend Menschen wurden obdachlos. Die Armee wurde mobilisiert, um provisorische Unterkünfte und Nahrungsmittel bereitzustellen.
Nahrungsmittel und Landwirtschaft
Mais: Auf rund 650.000 Hektar wird Mais angebaut. Er blüht Mitte Juli und braucht gerade in dieser Zeit konstante Niederschläge. Unter guten Boden- und Wettervoraussetzungen kann eine Erntemenge von 3,5 t/ha erwartet werden. Auf etwa 160.000 Hektar ist der Mais total vertrocknet, der Verlust wird nach ersten Schätzungen auf 1,25 Mio. Tonnen beziffert (= 50 % des erwarteten Ertrags); ein amerikanischer Agrarexperte schätzte kurz vor meiner Abreise den Verlust auf sogar 70%.
Reis: Reis wird auf rund 600.000 Hektar angebaut. Die Ernteaussicht liegt unter optimalen Bedingungen bei bis zu 4 t/ha. Bei einer WFP/FAO-Inspektion der Felder Mitte August wurden nur 420.000 ha in Normalzustand vorgefunden, 90.000 ha mit fast trockenen Wasserreservoirs (falls kein Regen fällt, wird Totalausfall befürchtet: 360.000 t), 60.000 ha mit bereits bis zu 5 cm tief ausgetrockneten Böden (Totalausfall: 240.000 t); 30.000 ha Boden waren völlig ausgetrocknet, darauf ist keinerlei Ernte möglich (Ausfall: 120.000 t). Hinzukommen letztlich die 30.000 ha Reisfelder, die das Salzwasser zerstört hat (Ausfall 120.000 t). Noch liegen die Ernteergebnisse nicht vor, es wird jedoch ein Gesamtausfall von rund 840.000 Tonnen Getreide befürchtet.
Ein Teil der Verluste läßt sich auffangen durch die Ernte von Kartoffeln, Gerste und Weizen. Hierfür gibt es jedoch nur kleine Anbauflächen. Die geschätzten Erntemengen decken etwa 50% des Bedarfs. Nahrungszukäufe aus Nachbarländern sind aufgrund politischer Barrieren und mangels Devisen zum Erliegen gekommen. Der letztes Jahr florierende Kleinhandel (oft Tauschhandel: Nahrung gegen Güter wie Schrott-Teile etc.) unter den Bewohnern der nördlichsten Kreise und der angrenzenden Südprovinzen Jilin und Liaoning in China hat 1997 stark abgenommen, da die Dürre auch in Südchina zu großen Ernteeinbußen führte.
Fleisch soll normalerweise 1x im Monat zugeteilt werden, außerdem zu besonderen Anlässen. Am Vorabend der Jahresfeier der Republik sah ich in den Straßen viele Koreaner mit gefüllten Tragetaschen, angeblich mit Sonderrationen zum Fest. Jedoch - Fleisch gibt es schon seit langem nicht mehr. In den Hotels oder Restaurants, in dem mit Devisen-Won bezahlt werden muß, spürt man von solchen Engpässen jedoch kaum etwas.
Vor einigen Monaten wurde den Farmern erlaubt, eigene Schweine zu halten; auch sieht man zunehmend kleine Ziegenherden.
Nur geringer internationaler Handel
Das Land ist reich an Bodenschätzen, bietet z.B. viele auf dem Weltmarkt wichtige Erze. Früher wurden auch Textilien und Fisch in großen Mengen exportiert. Doch der Handel mit anderen Ländern ist fast zum Erliegen gekommen, da die bisherigen Partner in den früher sozialistischen Ländern (Ostblock) nicht mehr existieren. So gibt es kaum Möglichkeiten, an wichtige Devisen heranzukommen.
Die Landesideologie besagt im Kern, daß der einzelne Mensch und das Land alles aus sich selbst heraus leisten können. Das führt dazu, daß alle versuchen, das Land möglichst unabhängig zu halten: ich sah z.B. selbstentwickelte und zum Teil nachgebaute Anlagen in der pharmazeutischen Fabrik - früher kamen die Geräte aus Europa. Es ist auch bezeichnend, daß in der Diskussion um die Ozon-Generator-Technologie zur Trinkwasseraufbereitung betont wurde, man wäre auch schon glücklich über eine kleine Anlage, man würde dann weitere selbst bauen können.
Hunger und Unterernährung
Laut UNICEF (United Nation Children´s Fund, Weltkinderhilfswerk der Vereinten Nationen) sind in der DVR-Korea zur Zeit etwa 1,5 Mio. Kinder unter fünf Jahre alt. Von ihnen sind etwa 250.000 unterernährt. Eine aktuelle Erhebung zur Unterernährung wird zur Zeit von UNICEF ausgewertet.
Ich selbst sah nur wenige Anzeichen von Unterernährung: manchmal starke Hautfalten bei Kindern an den Handrücken, manchmal Veränderungen der Haarfarbe; aber sehr häufig beobachtete ich eine allgemeine Schwäche. Ein von einer Norwegerin aufgenommenes Video und auch der aktuelle Fernsehbeitrag des Schweizer Korrespondenten Raemi zeigen, daß vor allem in kleineren Kliniken und Waisenhäusern weit außerhalb der noch einigermaßen gut versorgten Hauptstadt gehungert wird. Wegen der leeren Lagerhäuser und der jetzt erst beginnenden Ernte (die noch dazu sehr gering ausfällt) ist rein rechnerisch schon klar, daß die Nahrungsmittel nicht ausreichen.
Im Gespräch mit dem Vizepräsidenten für Auswärtige Angelegenheiten der Süd-Hungsan-Provinz kamen wir auf die Ernährungslage zu sprechen: Es gebe Bemühungen, an die Werktätigen und die Farmer 400g Reis am Tag auszuteilen (meine Frage, was denn die anderen bekommen, blieb unbeantwortet - mit Sicherheit viel weniger). In der Provinz würden rund 1.000 Tonnen im Monat gebraucht. Ich fragte, wieviel er denn zur Zeit auf Vorrat habe. Antwort: Die Lager seien leer, man warte auf die Ernte und die internationale Hilfe. Die in den letzten beiden Monaten verstärkte internationale Hilfe kann sich hier mildernd auswirken, aber das Defizit ist zu groß, um mit solchen Maßnahmen beseitigt zu werden.
Das Gesundheitswesen
Die DVR-Korea ist in 7 Provinzen aufgeteilt, jede hat eine Kinderklinik, ein Zentralkrankenhaus (People\'s Hospital) und ein zentrales Arzneimittellager. In jedem Kreis existiert ein County-Hospital mit bis zu je 20 Kliniken. In jeder Provinz und in jedem Kreis gibt es Abteilungen, die für das allgemeine Gesundheitswesen verantwortlich sind. Jeder Kreis hat etwa 150 Ärzte, einen für rund 500 Menschen. Von der Kreisebene aus werden Vorsorgeprogramme durchgeführt, und jeder Arzt wird alle 6 Monate von einem Inspekteur aufgesucht, der sein Verschreibungsverhalten kontrolliert. Allerdings, so scheint es, werden Basismedikamente nicht immer richtig verwendet und es kann schon einmal passieren, daß Methotrexat mit einem Mykotikum verwechselt wird.
Das Wissen um AIDS ist (anscheinend) vorhanden, die Krankheit selbst aber nur in seltenen Fällen aufgetreten. Die Ansteckungsmöglichkeiten sind begrenzt und werden nicht zuletzt durch strenge Lebensregeln eingedämmt. Es gibt im Land zwei zentrale Entbindungshospitäler - in Pjöngjang und in Harimon im Norden. Diese sind für sämtliche Problemschwangerschaften auch als Überweisungskrankenhaus zuständig. Außerdem gibt es in Pjöngjang noch diverse Spezialkliniken.
Meine Bitte, das zentrale Arzneilager Haeju sehen zu dürfen, findet zunächst Gehör. Doch am Ort selbst stellt sich heraus, daß niemand einen Schlüssel zu den Räumen hat. Angeblich sind die zwei Verantwortlichen nach Pjöngjang unterwegs, um "unsere" Medikamente abzuholen. Auf der Rückfahrt kommt uns dann tatsächlich ein offener LKW mit Rot-Kreuz-Fahne entgegen, der "unsere" Kartons fährt. Wir stoppen beide, und ich kann zwei Fotos machen. Die Hilfe wird also wirklich so verteilt, wie geplant; sie kommt an !
Sämtliche Leistungen des Gesundheitswesens sind für alle frei, der Staat gibt rund 30% seines Budgets für Arzneimittel aus. Ausnahme: die kleinen Drug-shops in der Stadt, eingerichtet eigentlich als Möglichkeit zur Versorgung in Notfällen. Eine von mir besuchte Apotheke erhielt die letzten "westlichen" Präparate vor drei Jahren. Deshalb konzentriert man sich heute auf den Verkauf (freies Gesundheitswesen ?) von Tonika und anderen Präparaten aus Pflanzen. Viele Menschen machen angeblich positive Erfahrungen mit diesen Präparaten, die koreanische Ginseng-Wurzel oder die Gingko-Blätter sind weltbekannt.
In einer anderen Apotheke war der gesamte Fußboden vor den Tresen, aber auch in den Fluren mit frisch gesammelten Gingko-Blättern ausgelegt; zwei Frauen entfernten in mühevoller Handarbeit Fremdbestandteile. Hier gab es einen kleinen Schuhkarton mit westlichen Präparaten, auch einige Päckchen Aspirin aus der Eigenproduktion des Landes, 6 Tabletten für umgerechnet 0,25 DM. Bis vor drei Jahren wurden vor allem Krankheiten des Herzens, Blutkreislaufs, Diabetes und auch Krebs diagnostiziert. Heute beherrschen durch Nahrungsmangel verursachte Krankheiten das Bild: Durchfall, Darmentzündungen, Bronchitis und Lungenentzündung. Tuberkulose galt 1975 als ausgerottet, heute schätzt man die Zahl der TB-Erkrankten auf ca. 100.000.
Arzneimittelversorgung
Die Zuständigkeit der Arzneimittelherstellung liegt nicht beim Gesundheitsministerium, sondern beim Ministerium für Chemische Industrie. Es gibt 25 Arzneimittelfabriken im Land, sie könnten 80% des Gesamtbedarfs decken. Fünf Fabriken wurden durch die Fluten von 1995 und 1996 beschädigt, eine in Uiju (nahe Sinuju) war total überflutet. Mit internationaler Hilfe sind sie zwar wieder alle produktionsfähig, aber es wird nur 10% des Bedarfs hergestellt, weil:
- zur Rohstoffherstellung in der chemischen Industrie verschiedene Salze benötigt werden, die Anlage zur Salzgewinnung an der Westküste jedoch überflutet wurde.
- in der Produktion, vor allem bei der Antibiotikaherstellung, Stärke benötigt wird. Stärke wurde bisher aus Getreide gewonnen. Aufgrund des Getreidemangels - alles geht in den Nahrungsmittelsektor - ist seit nunmehr 3 Jahren keine Stärkeproduktion mehr möglich. Auch Zucker, bisher aus Mais gewonnen, ist im Land nicht mehr vorhanden, da die wenigen Maiskolben für die Ernährung gebraucht werden. Deshalb wurde mir vor allem für die 1.000 kg pharm.-Zucker in dem Maternity-Hospital gedankt, da nun wieder Infusionen hergestellt werden können.
- die Flutkatastrophen im Norden auch Kohlebetriebe zerstörten, die für die Energieerzeugung zuständig sind. Angeblich war früher Nordkorea auf den nächtlichen Satellitenbildern ein heller Fleck, nun ist es dort dunkel. Gerade die chemische Industrie benötigt viel Energie - deshalb können zur Zeit weniger Rohstoffe produziert werden.
- 30 % der Rohstoffe früher importiert wurden, vor allem aus Rußland. Diese Handelspartner existieren heute nicht mehr.
Ich besuchte die größte Pharmafabrik des Landes in Suncheon (South Pyongan Province). 2.000 Beschäftigte, von denen zur Zeit wegen zu geringer Auslastung der Produktion nur 10% tätig sind; alle anderen sind angeblich auf den Feldern, um bei der Ernte zu helfen. Sie wurde 1958 gebaut und zweimal vom "großen Führer" besucht (meine Frage nach der Qualitätskontrolle wurde gleich damit beantwortet, daß der "große Führer" gerade darauf Wert gelegt habe). Die Ausstattung des Labors ist internationaler Standard. Es können 60 verschiedene Präparate produziert werden, der Schwerpunkt liegt bei den Antibiotika-Infusionen, die zu 80 Prozent den Bedarf decken, jedenfalls in normalen Zeiten. Die Maschinen zur Extraktion der Antibiotika wurden zum Teil selbst entwickelt. Die Fabrik macht einen sauberen Eindruck, die Anlagen sind in gutem Zustand, ebenfalls das Labor.
Zum anderen besichtigte ich die Tablettenfabrik in Pjöngjang. Saubere Fabrikationshallen und Anlagen, aber kaum Produktion. In dieser Fabrik werden auch die Verpackungen (Plastikflaschen mit Schraubdeckel, Tüten, früher, als es noch Alu gab, sogar Blisterpackungen) sowie die Etiketten auf eigenen Druckmaschinen gefertigt. Zum anderen besteht auch die Möglichkeit, die Fläschchen zu bedrucken. Die Kapazität liegt hier bei 4 Mrd. Tabletten pro Jahr, angeblich wurden in früheren Jahren bis zu 3 Mrd. produziert, seit drei Jahren mußte die Produktion auf 10 bis 20 % heruntergefahren werden. Die Pflanzen, die hier verarbeitet werden, kommen von Sammelstellen, an die die einzelnen Sammler sie verkaufen (!).
In beiden Fabriken wurde betont, wie wichtig die Lieferung von Rohstoffen sei. Alle Hospitäler werden monatlich aus dem zentralen Lager der Provinz mit Arzneimitteln und Verbrauchsmaterial beliefert. In dem für die gesamte Hauptstadt zuständigen Zentrallager in Pjöngjang erkannte ich mit eigenen Augen das Problem: Es waren nur wenige "westliche" Arzneimittel vorhanden, zum Teil aus eigener Produktion, zum Teil aus internationalen Spenden (es gab UNICEF-Kartons mit ORS (Oral Rehydration Salt, Elektrolytsalz - Therapie gegen Durchfall), MISSIONPHARMA (Arzneilieferant aus Dänemark) und IDA (International Dispensary Association - Arzneilieferant aus Holland) -Kartons mit verschiedenen Präparaten, auch rund 50 Behälter von SANAVITA (Arzneilieferant aus Deutschland) mit CoTrim).
Wie überall, ist es auch hier leicht, Problemspenden auszumachen: 25 große Kartons von Hoechst Amerika mit Lasix-Tabletten. Eigentlich nicht unsinnig, aber in aufwendigen "Mogelpackungen" als Ärztemuster verpackt mit nur 6 Tabletten pro Päckchen doch fragwürdig. Gelagert war außerdem Weniges aus China. Aber auch hier große Mengen an Arzneipflanzen, da diese leicht zu sammeln und zu verwerten sind.
Heute kommen von verschiedensten Seiten Arzneispenden ins Land. Während meiner Anwesenheit gab es große Verunsicherung über die Meldung, daß aus den USA eine Spende im Wert von 25 Mio. $ unterwegs sei - niemand wußte genau, was da auf dem Weg war.
Trinkwasser
Zwei für die Trinkwasserbereitstellung verantwortliche Experten des Ministeriums für Stadtverwaltung in Pjöngjang erläuterten mir das Problem der Trinkwasserversorgung in der 2,2 Mio. Stadt. In Pjöngjang wird das Wasser aus dem Fluß, aus Quellen und aus dem Stausee gewonnen, 8 Reservoirs fassen zusammen 750.000 cbm. Die Flutwellen in den letzten 2 Jahren haben alle Wasserreservoirs verunreinigt, u.a. mit Stickstoff und organischen Partikeln und Bakterien. Außerdem wurde die Fabrik, die Chlorkalk in Haijon produzierte, überschwemmt.
Der Appell zum Abkochen des Trinkwassers werde nur zum Teil befolgt, da nicht jeder das Material zum Abkochen habe - 40% der Durchfälle seien die Folge kontaminierten Wassers. Eine Delegation der Stadt hat in Europa verschiedene Aufbereitungssysteme besichtigt, man möchte nun eine Ozon-Generator-Anlage. Eine Firma Sander in Neuss würde so etwas herstellen, sie sei in Deutschland und Frankreich üblich, auch Moskau habe von Frankreich so eine Anlage bekommen für 2,4 Mio. cbm/Tag. - In dieser Größe sei die Anlage hier gar nicht nötig. Von UNICEF erfuhr ich, daß im Oktober zwei Wasserexperten aus Irland die Situation analysieren und nach Lösungsmöglichkeiten suchen sollen.
Internationale Hilfe
Einige Organisationen sind seit 1977 im Land tätig, z.B. WFP , UNDP und UNICEF. In den letzten Monaten kamen ständig weitere hinzu, z.B. MSF, IFRC, Médicine du Monde, Cesvi-Italien, ECHO (Hilfswerk der Europäischen Union). Sie können sich in Pjöngjang frei bewegen. Fahrten in die Provinzen müssen eine Woche vorher angemeldet werden, ein koreanischer Übersetzer ist ständiger Begleiter. Mit eigenen neuen geländegängigen Fahrzeugen (WFP hat einen Fuhrpark mit 12 neuen Toyota-Landrovern) und durch gecharterte Helikopter lassen sich selbst entlegenste Bergdörfer erreichen. Allerdings ist die Versorgung der Bevölkerung nicht per Helikopter zu schaffen. Es ist deshalb immer noch nicht möglich, eine hundertprozentige Lagebeurteilung abzugeben, die das gesamte Land betrifft.
Die Programme dieser NGOs beschränken sich nicht allein auf die Lieferung von Nahrungsmitteln und Überwachung der Verteilung. In verschiedenen Regionen wurden Projekte gestartet, die die Bevölkerung selbst mit einbinden: z.B. Food for Work und auch Income-Generating ist partiell eingeführt. Inwieweit diese Aktivitäten langfristig mit dem System vereinbar sind, kann ich nicht beurteilen. Ich sehe aber eine gewisse Entwicklung, die vielleicht die Aktivitäten aller NGOs gefährden könnte.
Die Verteilung der Hilfsgüter wird durch den FDRC oft in Zusammenarbeit mit den NGOs organisiert und mit staatlichen LKWs bis in die Provinzen hinein sichergestellt. Mehrere Gesprächspartner von Hilfsorganisationen konnten mir versichern, daß im Großen und Ganzen die Lieferungen das Ziel erreichen.
Die Kirche
In der DVR-Korea leben schätzungsweise 10.000 Christen. In Pjöngjang gibt es zwei Kirchen. Etwa 80 meist ältere Leute nahmen am Gottesdienst teil, gute Chorbegleitung. Zu Kindern und Jugendlichen offenbar kein Kontakt; in den Provinzen gibt es Hausgemeinschaften. Im Gespräch mit Vertretern der Korean Christian Federation (KCF) wird mir ein großer Dank entgegengebracht für all die Unterstützungen aus Deutschland (seitens DW/ACT und von der "Sachsen-Church"). Es bestehen verschiedene, auch persönliche Kontakte - eine Delegation des KCF konnte am Kirchentag in Leipzig teilnehmen.
Seit 1994 existiert innerhalb des KCF die Public Service Mission Campaign, die Hilfsgüter entgegennimmt und über das FDRC im Land verteilen läßt ("wir dürfen und wollen das System des Landes in puncto einer gerechten und gleichen Verteilung nicht umgehen"). Transportkapazitäten und auch fachliche Beratung (bei medizinischen Spenden) sei vom FDRC stets zur Verfügung gestellt worden. Eigene medizinische Fachkräfte habe das KCF nicht. Eine Ausweitung dieser Aktivitäten durch eine Fachkraft im Zeitvertrag von außen sei nicht nötig. Man habe genügend eigene Erfahrungen. Monitoring sei kein Problem, wenn die Sendungen direkt an das KCF geschickt würden.
Auf die mir von einem CBM (Christoffel Blindenmission, Bensheim)-Mitglied in Deutschland gestellte Frage nach etwaigen Bedürfnissen blinder Menschen in diesem Lande versicherte mir die KCF, daß auch diese Gruppe - wie alle anderen auch - durch das System gut und ausreichend versorgt sei. Es gebe deshalb keinen speziellen Bedarf für diese Personengruppe. Auf die Frage nach kircheneigenen Problemen oder Engpässen berichtete man mir von dem neuen Theologischen Seminar, wo 10 Studenten in drei Jahren ausgebildet werden. Allerdings benötige man dafür erhebliche Mittel.
Fazit:
Das Land driftet weiter einer schweren Zukunft entgegen, die Menschen werden weiter hungern und viele verhungern. Auch in Ländern mit anderen Systemen, wie z.B. Indonesien und Papua-Neuguinea sind aufgrund der diesjährigen Dürre ähnliche Hungerkatastrophen entstanden. Wenn wir auch über vieles anders denken als die Koreaner der Volksrepublik und anders glauben, sollten wir mit der pauschalen Kritik an ihrem System vorsichtig sein.




