
Der Papst hatte Unrecht, als er den Journalisten während des Flugs zu seinem zweiten Besuch in Nicaragua sagte, dass von der Befreiungstheologie nun keine Gefahr mehr ausginge, weil es in Europa keinen Kommunismus mehr gebe. Dem entgegnete Bischof Casaldaliga aus Brasilien, solange es Arme gebe, gebe es die Befreiungstheologie.
Hat der Fall der Berliner Mauer etwa bewirkt, dass es keine Armen mehr gibt? Oder glaubt der Papst etwa auch an das »Ende der Geschichte«, das zugleich das Ende der Heilsgeschichte bedeuten würde?
Die Befreiungstheologie hatte marxistische Einflüsse und ist in einigen Punkten eine marxistische Theologie. Aber das heißt nicht, dass diese Theologie wegen des Scheiterns des »real existierenden« Sozialismus in eine Krise geriete. Denn einerseits war der so genannte real existierende Sozialismus eine Perversion des Marxismus. Im Christentum gab es ebenfalls Perversionen des Evangeliums, die monströser waren als irgendeine Perversion der Lehre von Marx: grausamere Verbrechen (Kreuzzüge, Inquisition) und skandalösere Sittenverderbnis (die Renaissancepäpste). Und dennoch bleibe ich Christ. Und ebenso bleibe ich Marxist. Ich glaube weiterhin an den Sozialismus.
Andererseits hat die kapitalistische Presse in der ganzen Welt das Scheitern des Sozialismus verkündet. Doch sie verschweigt das Scheitern des Kapitalismus, das noch viel größer ist. Der Kapitalismus war nur für 20% der Menschheit ein Erfolg, oder für 10%. Für die Dritte Welt, also für die Mehrheit, die nun mal die armen Länder ausmachen, und für die Armen in den reichen Ländern ist der Kapitalismus eine Katastrophe. Das Scheitern des Kapitalismus ging dem Scheitern des Sozialismus voraus. Daher können wir folgende Differenzierung vornehmen: Es ist der falsche Sozialismus, der gescheitert ist, nicht die Verwirklichung des echten Sozialismus. Hingegen ist der Kapitalismus, der gescheitert ist, der echte Kapitalismus, und nicht der falsche Kapitalismus. Der Sozialismus scheiterte, weil er nicht verwirklicht wurde. Der Kapitalismus scheiterte, weil er verwirklicht wurde. Vor genau zwei Wochen gab das Magazin Newsweek zu, dass der globale Kapitalismus die armen Länder destabilisiert und den reichen Ländern große Verluste beibringt.
Und der Sozialismus der unterging, war ganz gewiss nicht in jeder Hinsicht schlecht. Er verzeichnete viele Erfolge auf den Gebieten Gerechtigkeit, soziale Sicherheit und Grundversorgung. Viele, die ihn losgeworden sind, bereuen dies bereits. Das Magazin Time sagt folgendes über den neuen Kapitalismus in der ehemaligen Sowjetunion:
»Es ist eine traurige Tatsache, dass Moskau nicht anders als die wohlhabenden Hauptstädte im Westen wahrscheinlich in Zukunft für viele Jahre dazu verdammt sein wird, einen hohen Prozentsatz an Besitzlosen, Obdachlosen und Arbeitslosen zu beherbergen, als schmerzhaften Preis, der für die Früchte des freien Unternehmertums zu bezahlen ist.«
Wir dürfen auch nicht vergessen, dass jener Sozialismus keines natürlichen Todes gestorben ist. Wie es dasselbe Magazin Time bei anderer Gelegenheit enthüllte, war der Untergang dieser Regimes vielmehr das Kind einer »heiligen Allianz“ zwischen Reagan und Papst. »Der Vatikan ging mit der CIA ins Bett«, um es mit den Worten der katholischen nordamerikanischen Zeitung National Catholic Reporter auszudrücken.
Diese »Heilige Allianz« war ebenfalls gegen Nicaragua gerichtet. Seine beiden Hauptfeinde waren Reagan und der Papst.
Unsere beiden Feinde fühlten sich auch bei unserer Wahlniederlage als Sieger. Aber das Debakel im Osten hat mit unserer Wahlniederlage in Nicaragua nichts zu tun. Der Osten war ja nicht unser Vorbild gewesen.
Tatsächlich gab es bei der Revolution in Nicaragua bereits einige Jahre, bevor Gorbatschow dieses Wort öffentlich gebrauchte, eine Perestroika. In Nicaragua gibt es etliche, die halb im Scherz (und halb im Ernst) sagen, dass er die Perestroika von Nicaragua kopiert hätte.
Die sandinistische Revolution hatte sich wirklich von Anfang an dem Mehrparteiensystem, einer gemischten Wirtschaftsform (Sozialismus und Privatwirtschaft), der Demokratie sowie der uneingeschränkten Achtung der Menschenrechte, der Pressefreiheit und freier Wahlen verschrieben.
Zu der Zeit, als die sandinistische Revolution im Volk aufkam, kam in Nicaraga auch die Befreiungstheologie auf. So geschah es, dass der Sandinismus, der eine marxistische Revolution war, auch zu einer christlichen Revolution wurde. Eine Revolution von Marxisten und Christen oder von christlichen Marxisten, wie in meinem Fall und dem vieler andere, an der sich aber auch weitere beteiligten, die weder Marxisten noch Christen, sondern einfach Revolutionäre waren.
Pater Teilhard de Chardin hatte vorhergesagt, dass sich Christen und Marxisten eines Tages auf dem Höhepunkt begegnen würden. Auf dem Höhepunkt des Christentums und auf dem Höhepunkt des Sozialismus vermute ich. Und diese Begegnung fand in Nicaragua statt. Es ereignete sich das, von dem Graham Greene auf einem Treffen von Schriftstellern aus der ganzen Welt 1988 in Moskau sagte – und dabei sah er Michail Gorbatschow fest in die Augen: »In Mittelamerika wird der Widerspruch zwischen Christentum und Marxismus zu Grabe getragen.«
Die südamerikanischen Bischöfe beklagten sich beim Papst darüber, dass das sandinistische Nicaragua sich in ein Mekka aller Befreiungstheologen verwandelt habe. Und damit hatten sie vollkommen recht. Einer dieser Theologen, Jose Maria Vigil, sagte, dass Nicaragua ein Symbol sei, und dass über den symbolischen Wert von Nicaragua hinaus die Sache der Armen auf dem Spiel stehe, und damit die Sache Jesu. Ein anderer, Arturo Paoli, sagte über Nicaragua: »Ich habe zum ersten Male gesehen, dass das einfache Volk weder Angst noch Hass angesichts einer Militäruniform empfindet.« Und Leonardo Boff sagte, dass es das einzige Land sei, in dem er Lebensfreude gesehen habe.
Trotz alledem ist die Revolution in Nicaragua gescheitert. Zuerst kam die Wahlniederlage. An der war besonders die Einmischung (Krieg und Wirtschaftsblockade) der Regierung der Vereinigten Staaten Schuld – ohne dass ich die Fehler und Sünden abstreiten möchte, die wir begingen, als wir an der Macht waren, aber diese waren keine ausschlaggebenden Faktoren.
Am schlimmsten jedoch war das, was danach kam. Jene Niederlage hat die Mehrheit der hohen Führer demoralisiert und korrumpiert. In einigen Fällen raubten sie Millionen von Dollars. Die sandinistische Partei hörte auf revolutionär zu sein. Deshalb haben sich viele – so wie ich – von ihr abgewendet. Heute stehen wahrscheinlich 80% der Sandinisten außerhalb der Partei. Heute ist die Mehrheit der Jugend in Nicaragua apathisch, unpolitisch, enttäuscht, ohne Glauben an irgendeine Partei oder irgendeinen politischen Führer, ohne andere als private Interessen: ihren wirtschaftlichen Wohlstand oder ihre Vergnügungen.
Ich stelle fest: Die Befindlichkeit der Jugend von Nicaragua ist die der Jugend von ganz Lateinamerika, und zu einem großen Teil, wie ich glaube, die der Jugend der ganzen Welt. Überall sind die Linken und die Volksbewegungen in der Krise. In fast allen Ländern Lateinamerikas haben die Rechten gesiegt, und das bei Volkswahlen. Das Volk hat Regierungen gewählt, deren Politik gegen das Volk gerichtet ist. In einigen Fällen hat das Volk sie sogar wiedergewählt. In Bolivien gelangte jetzt ein Diktator, der bereits vor Jahren gestürzt worden war, wieder an die Macht, weil das Volk für ihn gestimmt hatte.
Warum? Ich meine, weil das Volk manipulierbar ist. Mehr noch: weil es meistens manipuliert wird. Rufen wir uns ins Gedächtnis, wie viele Tyrannen und Despoten der Geschichte an die Macht gelangten, weil das Volk sie gewählt hatte.
Wahlen sind keine Garantie für den Triumph von Wahrheit und Gerechtigkeit. Es gibt sogar einen Fall in der Bibel, in der Gott die Wahlen verloren hat: als er der König Israels bleiben wollte, der er seit der Befreiung aus Ägypten war, und das Volk sich für einen anderen König entschied.
Wie gesagt: Die Jugendlichen stehen jedem sozialen und politischen Wandel gleichgültig gegenüber. Ebenso die meisten Völker. Oder sie sind gegen diesen Wandel. Das bedeutet, dass die Revolutionen, die revolutionären Bewegungen und die revolutionären Zustände, in der Krise sind.
Gibt es einen Ausweg?
Es gibt viele, die sich fragen, ob es einen Ausweg gibt. Es gibt Leute, die sagen, dass es keinen Ausweg gebe. Ich glaube fest daran, dass es einen Ausweg gibt. Weil ich nicht glaube, dass wir auf wissenschaftlicher Grundlage davon ausgehen müssen, dass die menschliche Evolution in einer Gesellschaft von Wölfen gipfeln wird, aus menschlichen Wölfen für Menschen, weil Wölfe untereinander sich nicht »wie Wölfe“ verhalten, sonst wären sie längst ausgestorben.
Es entbehrt ebenfalls einer wissenschaftlichen Grundlage zu glauben, dass der Egoismus endgültig siegen wird. Der Egoismus hat die menschliche Gesellschaft nur während der letzten 10.000 Jahre beherrscht und zwar seitdem es Privateigentum gibt. Aber seitdem Leben auf diesem Planeten existiert, trieb Kooperation, nicht Wettstreit die Evolution voran.
Die Frage lautet jetzt: Wo ist der Ausweg?
Ich meine, dass der Ausweg die Befreiungstheologie ist. Warum? Weil der Ausweg im Glauben liegen muss. Aber es gibt verschiedene Arten von Glauben. Es gibt einige Glaubensformen, die schädlich und destruktiv sind, wie jene, die zu kollektivem Selbstmord führen. Es gibt auch einen rein spirituellen Glauben, der unfähig ist die Welt zu verändern. Der einzige Weg ist der Glaube an die Revolution, der identisch ist mit dem Glauben an das Königreich, oder genauer übersetzt: an das Reich Gottes. Zu Lebzeiten Christi hatte der Begriff Königreich dieselbe subversive Bedeutung wie in unserem Zeitalter das Wort Revolution. Dieser Glaube an die Theologie und Mystik der Revolution ist es, der wieder Hoffnung spenden kann. Mit diesem Glauben können wir wieder von Sozialismus sprechen.
Der Sozialismus existiert, weil wir Kinder Gottes sind, d.h., weil wir Brüder sind und Gott uns als Sozialisten geschaffen hat. Die Menschheit war sozialistisch, bis Privateigentum aufkam. Deshalb hat Leonardo Boff völlig recht, wenn er sagt: »Die sozialistischen Ideale sind in den tiefsten Schichten des ›politischen Tieres‹ verwurzelt, das der Mensch ist. Von hier aus nähren sich gefährliche Utopien.«
Heute wagen es viele nicht, von Marxismus zu sprechen, noch weniger von Kommunismus, nicht einmal von Sozialismus. Aber ich habe beobachtet, dass unter den Linken, die sich nicht vom Debakel in der Sowjetunion und in Osteuropa haben entmutigen lassen, besonders oft die Christen zu finden sind. Die Letzten, die zum Marxismus kamen, sind die, welche ihr unverbrüchliches Vertrauen in ihn bewahrt haben. In Managua besuchte mich ein Spanier, der mir erzählte, dass er bis vor kurzem in der kommunistischen Partei gewesen, dass er nun verwirrt und verzweifelt sei und wissen wol1e, an was er glauben oder worauf er hoffen solle. Er wolle irgendeine Orientierung. Diese Verwirrung habe ich überall gesehen, außer unter den christlichen Marxisten oder Revolutionären und den Befreiungs- bzw. Revolutionstheologen.
Ich glaube, dass es für Christen keine Alternative zum Sozialismus gibt. Ich glaube, dass das 21. Jahrhundert einem neuen Marxismus und einem erneuerten Christentum gehören wird. Einem christlichen Marxismus. Das Christentum hat immer die Bekehrung gepredigt. Aber die Bekehrung des Herzen reicht nicht aus, weil die Ungerechtigkeit nicht allein im Herzen existiert, sondern auch in der Gesellschaft. Man muss auch das System bekehren. Zusammen mit dem Herzen, versteht sich, denn wie Mao sagt, der Klassenfeind ist auch im Innern jedes Einzelnen.
Ist es utopisch zu glauben, dass der Egoismus verschwindet? Das wäre so, als würde man glauben, dass das Evangelium eine Utopie sei. Ein marxistischer, atheistischer Spanier sagte einmal, dass er nicht verstünde, warum die Christen nicht glaubten, dass der menschliche Egoismus einmal verschwinden werde, wo sie doch an etwas glaubten, das viel schwerer zu glauben sei, nämlich an die Wiederauferstehung des Fleisches.
Es war an der Zeit, dass Christen und Marxisten auf dem Höhepunkt zusammenkamen, wie Chardin gesagt hatte. Und wenn er von der »Mystik des Morgen« spricht, ist es das, worauf er anspielt. Wir sind spät zum Marxismus gekommen, aber wir sind gekommen, um dabei zu bleiben. Besser gesagt: Wir sind einfach zu unseren Wurzeln zurückgekehrt. Hat nicht Engels nachgewiesen, dass die Verachtung weltlicher Genüsse und die Kasteiung des Fleisches im Urchristentum ein Protest gegen die Reichen waren? Pater Cardonel hatte unsere Ursprünge wieder erkannt, als er nach seiner Rückkehr aus China erklärte: »Ich habe den Eindruck, gesehen zu haben, was aus unserer Christenheit hätte werden können, wenn sie die Lehren Christi ernst genommen hätte.«
Vom Kommunismus kommen wir her. Unsere heiligen Quellen, die Kirchenväter, sind kommunistisch. St. Gregor von Nisa sagt, dass am Anfang »Mein und Dein, diese verhängnisvollen Wörter, fremd waren.« Und St. Basilius: »Eine perfekte Gesellschaft ist die, welche jegliches Privateigentum ausschließt.« »Alle Dinge auf der Welt sollten zum gemeinsamen Gebrauch sein«, sagt Clemente Romano. St. Ambrosius von Mailand: »Unser Herr hat gewollt, dass diese Erde der gemeinsame Besitz aller Menschen sei.« Chrysostomus: »Die Gütergemeinschaft ist eine der menschlichen Natur adäquatere Lebensform als das Privateigentum.« Und das waren nicht nur Worte. Es war auch die Lebenspraxis der ersten christlichen Gemeinden. Laut Engels haben sie die modernen revolutionären Bewegungen inspiriert.
In Nicaragua hat die sandinistische Revolution die Wahlen verloren – es ist eben so, dass wir wie Jesus immer der Niederlage ausgesetzt sind. Und wir müssen kämpfen wie ER, ohne die Gewissheit des sofortigen Sieges. Aber mit der Gewissheit eines endgültigen Sieges – wenn wir auch nicht wissen, wann. Früher, im Kampf der Marxisten, pflegte man einen historischen Optimismus, eine wissenschaftliche Gewissheit des sofortigen Sieges der Klassen des Volkes. Die, die sich allein auf diese Überzeugung stützten, konnten nach der Niederlage von ihrem revolutionären Kampf ablassen. Aber nicht jene, die kämpften, weil es für eine gerechte Sache war, die Sache der Liebe, die unabhängig von Sieg oder Niederlage ist. Der Theologe Giulio Girardi hat gesagt: »Gott weiß genau, dass ER selbst mit seinem Volk eine Niederlage erleiden kann, und dass dies tatsächlich viele Male eintreten wird.« Ein anderer Befreiungstheologe, Jose Maria Vigil: »Wir sind die geschlagenen Soldaten einer unbesiegbaren Sache.«
Ich habe von einer weltweiten Krise der Linken gesprochen. Aber man muss zugeben, dass sich überall Zeichen der Hoffnung zeigen. In diesen Zeiten bringt die Evolution wie nie zuvor überall Personen hervor, die einen Wandel wollen, Männer und Frauen, die nichts anderes verkörpern als die Evolution, die vorwärts schreitet und die Evolution, die mehr und mehr ins Bewusstsein dringt. Wir sind das Ergebnis eines Prozesses, der mit dem Big Bang einsetzte. Zuerst waren da die Bestandteile der Atome. Sie schlossen sich zu Atomen zusammen, und die Atome zu Molekülen. Die Moleküle, die immer größer wurden, bildeten Zellen, und die Zellen, die zuerst für sich alleine waren, schlossen sich zu immer größeren und komplexeren Organismen zusammen, bis es zu einem Organismus von der Komplexität des menschlichen Bewusstseins kam. Und die Menschheit evolutionierte, indem sie sich zu immer komplexeren Gesellschaften zusammenschloss. Es wäre unwissenschaftlich zu glauben, dass wir bereits am Ende der Evolution angelangt sind. Den Menschen gibt es erst seit ein oder vielleicht zwei Millionen Jahren. Der Homo sapiens ist weniger als hunderttausend, einige glauben, etwa sechzigtausend Jahre alt. Pferde hingegen gibt es seit sechzig Millionen Jahren. Die Zivilisation beginnt vor kaum zehn oder zwölf Tausend Jahren mit der Erfindung des Ackerbaus und der Domestizierung von Tieren sowie dem Privateigentum. Ich frage: Können wir uns vorstellen, wie die Menschheit in zehntausend Jahren sein wird? Und in hunderttausend Jahren? Und in einer Million Jahren? Wie kann man dann behaupten, dass wir am Ende der Utopien angelangt seien?
Das Reich Gottes wird vom Heiligen Matthäus das Himmelreich genannt, weil die jüdischen Sitte es gebietet, den Namen Gottes aus Respekt nicht zu erwähnen – und nicht, weil es nicht von dieser Welt wäre. Christus hat in all seinen Predigten nur ein Thema gehabt: das Kommen dieses Reiches. Er hat nicht sich selbst gepredigt, nicht Gott, sondern das Kommen des Reiches. Dieses Reich (oder die Himmelsrepublik) ist eine Gesellschaft voller Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Liebe, die es hier auf dieser Welt geben wird, aber die nicht auf dieser Welt enden wird. »Das Königreich ist ein anderer Name für die vollständige Revolution,« sagt Leonardo Boff.
Ich glaube an das Himmelreich, das auf dieser Erde sein wird, aber ich glaube auch an den Himmel. Weil es ausreicht, dass wir des Nachts nach oben schauen, um es zu erblicken. Es sind diese Millionen Sterne mit bewohnten Planeten, auf denen es wie bei uns Evolutionen und Revolutionen gibt. Die Erde und der ganze Kosmos, die Gemeinschaft der bewohnten Planeten, das ist das Himmelreich.
Ein Vortrag von Ernesto Cardenal, gehalten am 4. Oktober 1998 im Goethe-Institut der Stadt Staufen zur Eröffnung der Staufener Kulturwochen, abgedruckt (leider mit reichlich Fehlern, die hier aber weitgehend beseitigt wurden) in CuS 1-2/1999.




