Am 10. November 1996 ist Marie Hirsch im Alter von 93 Jahren gestorben. Sie war nach August Rathmanns Tod das älteste BRSD-Mitglied.
Kennengelernt haben wir Marie 1985. Damals entschlossen wir uns zu viert, in Berlin zur Gründung einer Regionalgruppe des Bundes aufzurufen und schrieben hierzu alle Berliner Einzelmitglieder an. Zum angesetzten Treffen erschienen nicht nur mehrere jüngere Interessierte, StudentInnen zumeist, sondern auch 2 Menschen, die den Bund noch aus seinen Kindertagen kannten, Aurel von Jüchen und eben Marie Hirsch. Die beiden Alten kannten und schätzten sich, blieben aber füreinander stets "Frau Dr. Hirsch" und "Herr von Jüchen", während wir uns sonst alle duzten und die beiden sich von uns ganz selbstverständlich "Marie" und "Aurel" nennen ließen. Maries körperliche Kräfte ließen zu diesem Zeitpunkt schon spürbar nach, sie mußte zu den Treffen abgeholt und wieder nach Haus gebracht werden, während der um ein Jahr ältere Aurel noch mit dem eigenen Auto fuhr. Bei unseren Diskussionen haben wir von den beiden , die ja verschiedene Richtungen des religiösen Sozialismus verkörperten, viel gelernt. Beide waren nicht stehengeblieben in ihrem Denken, sie lasen viel, nahmen an Tagungen und Seminaren teil, schrieben Artikel (von denen viele in CuS erschienen) und betrachteten kritisch die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Marie tat dies besonders wachsam. Sie war an Flüchtlingsfragen interessiert und engagierte sich bei Amnesty international und im Berliner Flüchtlingsrat.
1987 führten 4 Mitglieder unserer Gruppe (Klaus Bajohr, Angela Böß, Sabine Schwarze und Christa Peter) mit Marie ein langes Interview. Dies ist bislang noch nicht veröffentlicht, einige Teile daraus sollen im folgenden zitiert werden. Über unseren Wunsch, etwas über ihre eigene und auch die Vergangenheit des Bundes zu erfahren, staunte Marie. An einer Stelle sagte sie: "Mich interessiert die Vergangenheit gar nicht mehr so stark. Mich interessiert viel mehr, was heute passiert. Bei uns sind die Rollen vertauscht, ihr interessiert euch für die Vergangenheit, ich mich für die Gegenwart". Aber es lohnt sich, einen Blick auf Maries Vergangenheit zu werfen.
Aufgewachsen ist Marie in Edenkoben in der Pfalz. Ihr Vater besaß ein Sägewerk, in dem er etwa 20 Arbeiter beschäftigte. Die Familie gehörte somit zur kleinen Oberschicht des Ortes. Prägend für Maries Entwicklung wurde ihr Aufenthalt im Internat, in dem sie erste Kontakte zur Jugendbewegung bekam. Es handelte sich um die Freie Schulgemeinde in Wickersdorf im Thüringer Wald, gegründet von Gustav Wyneken und Paul Geheeb. Ziel dieser Reformschule war es, den gemeinsam unterrichteten Schülerinnen und Schülern Freude am Lernen und Lesen zu vermitteln. Dies sollte ohne Zwang geschehen. Neben dem Unterricht gab es ein breites Freizeitangebot, z.B. Wanderungen, gemeinsames Musizieren etc. Die Schule beteiligte sich am Treffen auf dem Hohen Meißner im Oktober 1913. Dort wurde mit der sog. Meißnerformel ein Bekenntnis zur Jugendbewegung abgelegt. ("Die Freideutsche Jugend will ihr Leben vor eigener Verantwortung nach eigener Bestimmung in innerer Wahrhaftigkeit selber gestalten".)
Als in der Weimarer Republik auch Mädchen die höhere Schule besuchen durften, holten ihre Eltern Marie nach Edenkoben zurück. Sie schloß sich einem Wandervogelbund an und widmete sich ganz der Jugendbewegung. "Ich las ihre Literatur und ging zu Treffen in der südlichen Pfalz. Einmal war dort sogar ein großer Bundestag oder Gautag, zu dem auch der Gauleiter aus Berlin kam. (Berlin war das Zentrum des Deutschen Wandervogels). Mein Vater ließ mich hingehen, wollte aber vorher wissen, mit wem. Deshalb lud er die Gauleiter aus Berlin und Wiesbaden zum Essen ein, und als er sah, daß es nette Leute waren, ließ er mir freie Hand." Außer Wandern und Singen wurde in der Edenkobener Wandervogelgruppe, die nur aus Marie und 2 Freundinnen bestand, vor allem gelesen. Marie erinnerte sich z.B. an die Lektüre von Walter Flex, "Der Wanderer zwischen beiden Welten", ein eindeutig kriegsverherrlichendes Buch. Später lernte sie verschiedene Arbeiterdichter, z. B. Karl Bröger, kennen und kam über Schriften von Walther Rathenau zur Sozialdemokratie.
Nach dem Abitur entschloß sie sich zum Studium der Nationalökonomie, eine für eine Frau in den 20er Jahren sehr ungewöhnliche Entscheidung. "Es war meine Sucht, diese Gesellschaft richtig zu untersuchen, um zu sehen, inwieweit sie sozialistisch werden kann. Angeregt wurde ich dazu durch die vielen sozialistischen Flugschriften, die ich zu der Zeit las." Sie begann ihr Studium in Heidelberg, wo sie Kontakt zur örtlichen Neuwerkgruppe aufnahm.
Die eigentliche Neuwerkbewegung ging aus drei Gruppen hervor. Die erste Gruppe war ein Kreis um die Zeitung "Der christliche Demokrat", die später in "Das neue Werk" und 1922 in "Neuwerk" umbenannt wurde. Dieser Kreis organisierte 1919 die religiös-sozialistische Tagung in Tambach, auf der Karl Barth mit seinem Vortrag "Der Christ in der Gesellschaft" für Aufsehen sorgte. Die zweite Gruppe bildete sich um Eberhard Arnold, der mit Gleichgesinnten eine christlich geprägte Gemeinschaftssiedlung in Sannerz gründete. Die dritte Gruppe bildete sich um die genossenschaftliche Siedlung auf dem Habertshof in der Nähe von Schlüchtern mit seiner 1924 von Emil Blum gegründeten Volkshochschule. Vor allem die jährlich abgehaltenen Pfingsttreffen hielten die Neuwerk-Leute1 zusammen. "Diese Pfingsttreffen wurden von uns immer sehr ernst genommen, weil wir uns als Gemeinde verstanden. Deshalb war einer der Höhepunkte der Gottesdienst, den immer einer von uns abhielt." Eine feste Organisation mit Mitgliederlisten, Beiträgen etc. war das Neuwerk nicht. Organisatorisch gehörte Neuwerk nicht zum Bund der religiösen Sozialisten. Vor allem der Name Hermann Schafft stand für alle, die eine engere Anbindung an den Bund scheuten. "Neuwerk war ein loser Haufen, der sich um einige herausragende Menschen scharte. Nennen könnte ich da Emil Blum, Hermann Schafft oder auch Günther Dehn. Ansonsten spiegelte es das Aufbruchgefühl, unser Lebensgefühl und etwas von einer religiös-sozialistischen Atmosphäre wider. Es gab auch keine offiziellen Kontakte zwischen den Gruppen."
Um die Heidelberger Neuwerk-Gruppe kümmerte sich vor allem Hans Ehrenberg. Er war damals Professor für Philosophie in Heidelberg. Marie besuchte seine Vorlesungen und hörte außerdem Karl Jaspers, der einen tiefen Eindruck auf sie machte, Friedrich Gundolf und Alfred Weber.
Ab 1924 setzte sie ihr Studium in Freiburg bei Eduard Heimann2 fort. "In Heimanns Seminaren traf sich die ganze alte Jugendbewegung. Heimann hatte zu vielen von ihnen eine freundschaftliche Beziehung. Er ging einfach durch die Seminarräume und schaute, wer so da war und lud die, die sich bei ihm besonders engagierten, zu sich nach Hause ein. Auch mich fragte er, ob ich kommen wolle. Heimann hatte einen guten Kontakt zu Neuwerk, besonders zu Emil Blum, aber er bemühte sich nicht um die Gründung einer Neuwerk-Gruppe, weder in Freiburg, noch später in Hamburg."
1926 legte Marie ihr Diplomexamen in Freiburg ab. Später erinnerte sie sich an ihre Prüfung: "Ich kam wie immer damals sogar zum Examen 3 Minuten zu spät. Das nahmen mir die Prüfer aber Gott sei Dank nicht übel. Sie waren aber über eine Notiz in meinem Abiturzeugnis erstaunt, das ich meinen Examensunterlagen beilegen mußte. Da stand nämlich drin: "Ihr Betragen hätte zuweilen etwas gesetzter sein können, hat aber im übrigen durchaus entsprochen." Das fanden die beiden Prüfer sehr amüsant." 1926 folgte Marie Eduard Heimann nach Hamburg, um bei ihm zu promovieren. Das Thema ihrer Dissertation lautete "Zur Theorie des Konjunkturzyklus". "Die Fakultät wollte mir für die Arbeit kein Summa, also nicht die beste Note geben, vermutlich deshalb, weil ich eine Frau war."
Sie schloß ihre Promotion im Jahre 1928 ab, dem Jahr, in dem auch die Heppenheimer Tagung stattfand, an der Marie teilnahm. "Pfingsten 1928 trafen sich in Heppenheim an der Bergstraße etwa 80 Männer und Frauen zu einer "sozialistischen Aussprache", wie es im Einladungsschreiben hieß. Eingeladen hatte ein Komitee, zu dem Emil Fuchs, Hendrik de Man, Karl Mennicke, Leonhard Ragaz, August Rathmann u.a. gehörten. Das Hauptreferat der Tagung zum Thema "Die Begründung des Sozialismus" hielt Hendrik de Man, das Koreferat Eduard Heimann. Das zweite Thema der Tagung lautete: "Sozialismus und persönliche Lebensgestaltung". Hierzu referierten Henriette Roland-Holst und Emil Fuchs. An der Tagung nahmen auch Martin Buber, Paul Tillich, Adolf Löwe und Emil Blum teil, das waren die bekanntesten. (Das Protokoll der Heppenheimer Tagung ist unter dem Titel "Sozialismus aus dem Glauben" im Rotapfel-Verlag Zürich und Leipzig 1929 erschienen.)
Viele meiner Freunde waren in Heppenheim, eine ganze Menge Neuwerk-Leute, die sich ja durchaus zum religiösen Sozialismus zählten, aber nicht unbedingt zum Bund. Zu Kappes hätten wir uns positiv verhalten können, aber nicht zu Eckert (Erwin Eckert, damaliger Bundesvorsitzender). Eckert war ein Agitator. Er wollte orthodoxen Marxismus und Christentum miteinander verbinden, ohne jede Hemmung und ohne Reflexion. Dieses Unreflektierte hat mich abgestoßen und es hat eben auch den Berliner Kreis abgestoßen."
Nach Abschluß der Promotion war es für Marie sehr schwer, eine Stelle zu finden. Sie versuchte es zweimal in einer der neu aufkommenden Heimvolkshochschulen, zunächst bei Eduard Weitsch in Dreissigacker in Thüringen, danach bei Gertrud Hermes in Leipzig. Aber sie bekam jeweils nur kurze, befristete Verträge. Ein Jahr konnte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Adolf Löwe in Kiel unterkommen. "Plötzlich hieß es: eine Frau auf einer solchen Stelle – das geht nicht! Da mußte ich aufhören, obwohl das ja eine sehr komische Begründung war." Drei Monate gab sie einen Bildungskurs auf dem Habertshof, dann begann sie Ende 1929 eine Ausbildung zur Fürsorgerin in Berlin. Eine neue Ausbildung schien die einzige Chance zu sein, endlich eine dauerhafte Stellung zu finden. Nach Abschluß dieser Ausbildung erhielt sie eine Stelle als Wohlfahrtspflegerin beim Bezirksamt Berlin-Prenzlauer Berg, aber zum 1.4.1933 wurde ihr befristeter Vertrag nicht wieder verlängert. Nach den Gründen hierfür befragt, nannte Marie zum einen ihre SPD-Mitgliedschaft und zum zweiten die Tatsache, daß sie "nicht die richtigen 4 Großeltern" gehabt habe. Daß ihr Vater, Richard Hirsch, Jude war und 1944 in Theresienstadt umgebracht wurde, erfuhren wir erst nach ihrem Tod von ihrem Neffen.
Ihre erneute Arbeitslosigkeit dauerte fast 2 Jahre, dann fand sie bei der Inneren Mission in Berlin-Friedrichshain eine Stelle als Fürsorgerin. Dort blieb sie mit Unterbrechungen bis 1947, davon 2 Jahre als Leiterin dieser Bezirksstelle. "Unsere Arbeit war eine Ergänzung zu dem, was die öffentliche Fürsorge machte, wir kümmerten uns um alte und kranke Menschen, Kinder und Familien. Inoffiziell haben wir auch getauften Juden geholfen. Wir besuchten diese Leute zuhause, dadurch war das Risiko geringer, als wenn sie zu uns ins Büro kamen. Um mich etwas zu schützen, trat ich damals in die NSV ein." (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, im Mai 1933 gegründete Organisation der NSDAP, zuständig für alle Fragen der Volkswohlfahrt und Fürsorge)
Unter dem Pseudonym Marie Kämpfer veröffentlichte sie 1933 zwei Aufsätze in der Zeitschrift "Neuwerk". Sie setzte sich darin mehr oder weniger direkt mit dem aufkommenden Nationalsozialismus auseinander. Der erste Aufsatz behandelte "Fragen der politischen Ethik" (vor allem zu Gogarten), der zweite war eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff des Politischen in der Staatslehre von Carl Schmitt.
Auch während der Nazi-Zeit traf sich der Berliner Neuwerk-Kreis bei Günther Dehn. "Allerdings hatte der Kreis seine beste Zeit zwischen 1928 und 1931 gehabt. Jetzt waren unsere Zusammenkünfte als reine Bibelstunden getarnt, wir mußten sehr vorsichtig sein, um nicht Verdacht zu erregen. Als die gemeinsamen Treffen zu gefährlich wurden, trafen wir uns fast nur noch einzeln. Einmal, das war gegen Ende der Nazi-Zeit, fand ein Treffen bei mir in Friedrichshain in meinem kleinen Haus statt. Es kamen über 10 Leute – da mußten wir aufpassen, daß nicht alle zugleich ins Haus gingen." Auch zu Emil Fuchs bestand weiterhin Kontakt. Marie besuchte des öfteren seine Quäker-Andachten. "Es kamen auch Juden zu diesen Andachten, und dadurch ergaben sich gelegentliche harte Auseinandersetzungen mit der Gestapo. Doch Emil Fuchs unterwarf sich den Nazis nicht, auch nicht, als ihm KZ angedroht wurde, wenn er weiterhin Juden zu den Andachten zulasse."
1944/45 mußte Marie ihre Tätigkeit bei der Inneren Mission unterbrechen – die Gestapo hatte sie zu Schipparbeiten verpflichtet, sie mußte Bombenkandelaber freischippen. In Berlin erlebte sie das Kriegsende und den Einzug der russichen Armee. Sie arbeitete zunächst weiter bei der Inneren Mission und bekam 1947 zwei Angebote der Stadt: "Ich konnte wählen zwischen einer Anstellung als Sozialreferentin im Rathaus Steglitz und einer Anstellung als Leiterin der Kulturabteilung bei der Stadt. Da ich genug von der Sozialarbeit hatte, habe ich mich für die Bibliotheksarbeit entschieden und arbeitete dann in der Mauerstraße in Ostberlin. Bei der Stadt mußte ich Bücherlisten von Leuten, die nach Westdeutschland zogen, überprüfen und mit der Aussonderungsliste der Russen vergleichen. Eine ganze Dienststelle führte diese Arbeit aus. Für den Aufbau der Volksbücherei mußten wir antifaschistische Literatur anschaffen. Erst nach der Spaltung der Stadt, 1948, haben wir westliche Maßstäbe an die Kulturpolitik anlegen können und waren freier in der Auswahl der Bücher. Nach der Spaltung der Stadt arbeitete ich wie viele andere im Westsektor, blieb jedoch zuerst im Ostsektor wohnen und gehörte somit zu den sog. Grenzgängern. Ich traf diese Entscheidung, im Westsektor zu arbeiten, da ich glaubte, daß im Ostsektor die Meinungsfreiheit auf Dauer nicht gewährleistet sei."
Nach dem Krieg gab es nur noch ein einziges Treffen ehemaliger Neuwerk-FreundInnen, 1946 in Treysa, auch der Berliner Neuwerkkreis kam nicht mehr zusammen. Die ehemaligen Habertshöfer dagegen kamen zu regelmäßigen Treffen zusammen und Marie fuhr ab 1970 zu ihren Zusammenkünften. 1976 trat sie dem wiederbelebten Bund bei.
Sie wohnte bis zuletzt in ihrer eigenen Wohnung in Berlin-Steglitz.
1 Marie schrieb in CuS 4/1978 über "die Bewegung des Neuwerk". Dieser Text ist gegen 3,-DM in Briefmarken bei der CuS-Redaktion zu erhalten.
2 1889 – 1967. Volkswirtschaftler. 1925 bis 1933 Prof. für Wirtschafts-und Sozialwissenschaften in Hamburg. 1933 Emigration in die USA. Heimann gehörte dem "Berliner Kreis" an und war 1930-1933 neben Paul Tillich, August Rathmann und Fritz Klatt Herausgeber der "Neuen Blätter für den Sozialismus". Über ihren Lehrer hat Marie viel geschrieben. Ein Beispiel hierfür ist ihr Beitrag "Demokratischer Sozialismus im Blickfeld der biblischen Religion. Zu Eduard Heimanns Sozialphilosophie" in CuS 3/1987.
(Aus: CuS 1/1997)




