Widerstand gegen die Vorbereitung eines neuen Kriegs gegen den Irak regt sich nicht allein in Deutschland, sondern auch in den USA. Constance L. Benson hielt die folgende Predigt am 4. August 2002 vor der (radikal pazifistischen) mennonitischen Gemeinde von New York. Sie kritisiert die massive Manipulation der öffentlichen Meinung und warnt die amerikanische Öffentlichkeit, sich angesichts der eigenen, verheerenden Geschichte unrechter und gewalttätiger Außenpolitik nicht zum Richter über »einen kleinen Tyrannen« aufzuspielen.
Vorbemerkung der Redaktion: Als LeserInnen in Deutschland müssen wir uns vor Augen halten, dass dieser Text für ein amerikanisches Publikum geschrieben ist; was als schonungslose Selbstkritik gedacht ist, kann sonst allzu leicht als Antiamerikanismus missverstanden werden.
Lesung aus dem Alten Testament:Der amerikanische Senat hat die öffentlichen Anhörungen zu einem möglichen Krieg gegen den Irak begonnen. Mich macht die große Ähnlichkeit zwischen dieser Anhörung und der falschen, von König Ahab inszenierten Anhörung vor seinem Krieg gegen Ramot in Gilead zutiefst betroffen. Wann immer es an Massenmord und Plünderung geht, darf der Segen der intellektuellen Elite eines Landes nicht fehlen. Genauso wie die 400 falschen Propheten sich einhellig für Ahabs Krieg aussprachen, erzählen alle wichtigen außenpolitischen Experten der Bush-Regierung genau das, was sie hören möchte: »Heizt Saddam ein, bis er geschlagen ist.«
1. Könige 22,1-36:
Bevor er in den Krieg zieht, lässt König Ahab sich von 400 falschen Propheten segnen. Allein der Prophet Micha spricht Gottes Wort des Friedens und warnt den König, dass durch das Schwert umkommen wird, wer das Schwert nimmt. Der König lässt Micha einsperren, aber die Prophezeiung erfüllt sich.
Lesung aus dem Neuen Testament:
Matthäus 7,1-5:
In der Bergpredigt lehrt Jesus seine Jünger: »zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.«
Der biblische Micha war mit der Kriegspolitik nicht einverstanden und stand damit ziemlich allein innerhalb der israelischen Elite. Aber im Gegensatz zu Amos und anderen sozialen Außenseitern war Micha dem Hof bekannt und hatte Zugang zur Macht. Sein Nachname ben Imlah belegt, dass er einer adligen Familie entstammt. Er war natürlich bekannt dafür, den Mächtigen die ungeschminkte Wahrheit zu sagen, und zunächst war er ja auch nicht eingeladen worden, vor dem König zu prophezeien; möglicherweise hat er sich auch selbst dagegen entschieden, vielleicht weil er den Eindruck hatte, in dieser Situation ohnehin keinen Einfluss ausüben zu können. Aber bevor er sich gegen diesen Krieg aussprach, gehörte er eindeutig der Elite an. Nach seiner Rede wurde er ins Gefängnis geworfen und die Bibel weiß nichts Weiteres über ihn zu berichten.
In der Frage eines Kriegs gegen Ramot in Gilead sprach Micha das Wort Gottes, aber der König weigerte sich, zu hören. Gott mag der Schöpfer der Geschichte sein, aber solange das Reich Gottes noch nicht vollendet ist, richten menschliche Tyrannen ihr Unheil an. Genau diesen Eindruck haben wir auch heute. Die wenigen prophetischen Stimmen, die sich gegen die aktuellen Kriegspläne aussprechen, scheinen unterzugehen im Chor der falschen Propheten, die unsere Universitäten, Medien und politischen Institutionen dominieren. Als Christen und Mennoniten mögen wir nicht die Möglichkeit haben, diesen Krieg zu verhindern, aber Gott ruft uns auf, Widerstand zu leisten – durch Suchen und Verbreiten der Wahrheit und durch die Bezeugung von Gottes Wort des Friedens und der Versöhnung.
Wer ist es, der heute die Rolle des biblischen Micha spielt? Wen benutzt Gott in unserer Zeit, um die Lügen und die Kriegspropaganda, die Geist und Herz der amerikanischen Öffentlichkeit vergiften, zu bekämpfen? Susan Mark Landis, eine Friedensaktivistin der die Mennonitischen Kirche der USA, hat einige anerkannte Autoritäten auf dem Gebiet der Außenpolitik benannt, die sich gegen die aktuellen Kriegspläne aussprechen. Unter ihnen befinden sich ein ehemaliger US-Botschafter im Irak sowie vier ehemalige UN-Mitarbeiter im Irak. Bislang blieben all diese prophetischen Stimmen von den falschen Anhörungen im Senat ausgeschlossen.
Zu den ausgeschlossen Insidern gehört Colonel Scott Ritter, ein Parteimitglied der Republikaner und Marine-Veteran sowie ehemaliger UN-Waffeninspektor im Irak. Am 23. Juli berichtete er vor einer Anti-Kriegs Kundgebung, dass 20.000 amerikanische Marines und drei Luftlandeeinheiten der Air Force auf einen Kampfeinsatz im Irak für Mitte Oktober vorbereitet werden. Nach Ritter können weder Fakten noch nationale Sicherheit, internationales Recht oder schlichte Moral diesen Krieg rechtfertigen. Vielmehr sieht es so aus, als ob sich die Bush-Administration für den Oktobertermin entschieden hat, um das Volk rechtzeitig zu den Kongresswahlen im November um die amerikanische Flagge zu scharen.
Laut Ritter, der als UNSCOM-Waffeninspektor sieben Jahre im Irak verbracht hat, ist der Irak nicht mehr im Besitz von Massenvernichtungswaffen und auch nicht in der Lage, neue zu produzieren. Bevor sie den Irak 1998 verließen, untersuchten Ritter und seine Kollegen außer den eigentlichen Fabriken und Lagerstätten auch Berge von Akten zu Waffen, Bauteilen, und Fabriken. Ritter sagte, dass die irakischen Offiziellen zunächst über ihr Arsenal und ihre Fertigungsstätten logen, später aber, unter dem Druck der Untersuchungen und drohender Militärschläge, kooperierten. Keine der irakischen Angaben wurde für bare Münze genommen, die Inspektoren unterzogen sich größter Mühen, um die Einhaltung der Abrüstungsverpflichtungen unabhängig zu überprüfen.
Obwohl Ritter und sein Team den Irak bei ihrer Abreise 1998 also für »clean« hielten, spekuliert die Bush-Regierung jetzt, dass er seither neue Massenvernichtungswaffen hergestellt haben könnte. Hierfür hätte der Irak allerdings komplizierte Geräte und Technologien beschaffen müssen, was kaum zu verheimlichen gewesen wäre. Ritter berichtete, dass bei der Herstellung von chemischen und biologischen Waffen Gase austreten, die mittlerweile entdeckt worden wären. Auch bei der Produktion nuklearer Waffen entstehen Gammastrahlen, was ebenfalls aufgefallen wäre. amerikanische Geheimdienste haben den Irak mit Satelliten und anderen Hilfsmitteln überwacht und nichts Verdächtiges entdeckt. Ritter schließt: »Würde der Irak heute Waffen produzieren, so hätten wir eindeutige Beweise dafür.«
Selbst wenn der Irak eine militärische Bedrohung für die USA darstellen würde, könnten wir Mennoniten Krieg als Antwort auf eine solche Bedrohung nicht gutheißen. Die meisten Amerikaner sind allerdings keine Pazifisten – eine Tatsache, die wir bei der Umsetzung unseres Werks der Friedenserziehung berücksichtigen müssen. Es ist daher hochinteressant, dass die gegenwärtigen Kriegsvorbereitungen selbst in den Augen außenpolitischer Experten wie Scott Ritter, der von sich sagt, dass er einen gerechten Krieg unterstützen würde, jeder Legitimation entbehren.
Die aktuelle Irakpolitik ist ein klares Beispiel institutionalisierten Übels – ein Zusammenspiel von militärisch-industriellen und Öl-Interessen sowie das machiavellistische Eigeninteressen ihrer Marionetten, einschließlich George W. Bush. Abgerundet wird das Bild durch die handverlesenen, meineidigen Experten, die sich zur Zeit vor dem Senatskomitee prostituieren und es damit den 400 falschen Propheten des Alten Testaments gleichtun.
Lasst uns diesen Abgrund institutionalisierten Übels etwas näher beleuchten. Und lasst uns fragen, ob Saddam Husseins Regime nicht selbst Teil davon ist. Ist es nicht so, dass dieser irakische Diktator Giftgas gegen seine eigene Kurdische Bevölkerung eingesetzt hat? In einem Krieg gegen den Iran, den er selber angefangen hat? Ist es nicht ebenfalls so, dass er den Überfall auf Kuwait 1991 inszeniert hat, um seine eigene Macht auf Kosten von Millionen einfacher Irakis zu sichern? Und dass er ein Terrorregime aufrecht hält, das auch vor Folter und Mord an Dissidenten nicht zurückschreckt? Ist es nicht ferner so, dass Saddam alles in seiner Macht stehende unternehmen wird, um in den Besitz nuklearer Waffen oder anderer Massenvernichtungswaffen zu gelangen? Und dass er bereit wäre, diese gegen eine amerikanische Stadt, vielleicht sogar New York, einzusetzen? Und wer, wenn nicht die Vereinigten Staaten, hätte die Macht und den Willen, solche Verbrechen zu verhindern?
Je näher der Jahrestag des 11. September rückt und je stärker das Trauma jener schrecklichen Angriffe wieder hervortritt, desto verführerischer werden diese Gedanken vielen Amerikanern scheinen – selbst jenen, die Militarismus unter anderen Umständen nicht unterstützen würden. Die heutige Evangelienlesung ist aus dem Leben gegriffen und bezieht sich direkt auf diese Realität: »zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.« Saddam Hussein und andere mögen vor Bösem blind sein, trotzdem können wir Amerikaner den Splitter in ihrem Auge nicht entfernen, wenn wir nicht zuvor den Balken aus unserem eigenen Auge entfernt haben.
Die Vereinigten Staaten befinden sich in keiner Position, die Welt vom Terrorismus zu befreien. Wenn es uns tatsächlich um die Beförderung von Frieden und Sicherheit in der heutigen Welt geht, so lasst uns anfangen, indem wir uns zuerst von der kriminellen Gewalt befreien, die unsere eigene Außenpolitik immer schon geprägt hat – beginnend mit dem Genozid an den indigenen Amerikanern in den Tagen unserer Vorfahren. Unser verehrter George Washington begann seine Karriere, indem er im Interesse vermögender Landspekulanten aus Virginia gegen Franzosen und Indianer kämpfte. amerikanische Kolonisten führten die biologische Kriegsführung bereits in den 1760er Jahren ein, als sie mit Pockenviren verseuchte Wäsche aus einem Krankenhaus benützten, um eine Epidemie unter den eingeborenen Amerikanern herbeizuführen. Eine Reihe amerikanischer Präsidenten, beginnend mit George Washington, befahl die gnadenlose Ermordung der indigenen Amerikaner sowie die Plünderung ihrer Länder. Der Vertrag von Greenville, den Washington den Indianern von Ohio aufzwang, war der erste von vielen, den die amerikanische Regierung nach Belieben brach. Hiermit begann unsere lange Geschichte der Missachtung internationalen Rechts.
Lasst uns Reue zeigen für den Terror in Lateinamerika und anderswo in der Dritten Welt, den unsere Regierung über weite Strecken des 20. Jahrhunderts aus Gier unterstützt hat – heuchlerisch legitimiert im Namen von Demokratie und Menschenrechten. Zu einer Zeit, in der Hollywoodfilme den Vietnamkrieg glorifizieren, lasst uns unsere amerikanischen Mitbürger daran erinnern, dass unsere Regierung Vietnamesisches Land mit Agent Orange und anderen toxischen Chemikalien vergiftet hat, dabei mutwillig unzählige Dörfer vernichtet und Millionen Vietnamesen terrorisiert, verkrüppelt oder umgebracht hat. All dies für ein korruptes und diktatorisches Regime in Südvietnam, das den angeblichen Interessen Amerikas diente.
Und, wichtiger als alles andere, zu einer Zeit, da unsere Regierung den Einsatz nuklearer Waffen gegen ein irakisches Regime vorbereitet, das angeblich zu verantwortungslos ist, um diese zu besitzen, lasst uns endlich den Balken der Atomwaffen aus dem Auge amerikanischer Außenpolitik entfernen. Um dies zu vollbringen, müssen wir den Mythos um Präsident Harry Trumans Entscheidung, die Zivilbevölkerung von Hiroshima und Nagasaki zu verbrennen, zerstören. Für Historiker steht mittlerweile ohne jeden Zweifel fest, dass der Japanische Kaiser sich bereits im Sommer 1945 über diplomatische Kanäle an die Regierung Trumans gewandt hat, um ein Ende des Krieges zu verhandeln. Truman und seine Berater wussten, dass Japan sich auch ohne Invasion und ohne den Einsatz der Atombombe ergeben würde.
Zu genau dieser Zeit allerdings verlegte die Sowjetunion Truppen aus Europa nach Asien und wollte Japan im August angreifen. Auf Rat seines aggressiven Außenministers James Byrnes setzte Truman die Atombombe ein, um Zeitpunkt und Bedingungen der japanischen Kapitulation zu kontrollieren und die Sowjetunion einzuschüchtern, indem er Amerikas ungeheure Zerstörungskraft sowie seinen Willen, Gebrauch davon zu machen, demonstrierte. Anschließend log er die amerikanische Öffentlichkeit an und kaschierte seinen Einstieg in die Politik des Kalten Krieges als humanitäre Maßnahme, die durch ein rasches Kriegsende ohne Invasion Japans Menschenleben sichern sollte.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine gründliche Untersuchung historischer Fakten eine lange Tradition amerikanischer Komplizenschaft in Genozid, Terror, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden und gegen die Menschlichkeit belegt – und diese Politik wird auf den höchsten Ebenen unserer Regierung gemacht und gutgeheißen durch die angesehensten Professoren, Kirchenmenschen, Medienexperten und weitere falsche Propheten. »Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.« wo, wenn nicht im Kontext der aktuellen US Außenpolitik könnten diese Worte unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus relevant sein?
Bevor wir uns darin versuchen, einen kleinen Tyrannen im Irak zu beseitigen, lasst uns zunächst den großen Tyrannen in Amerika abschütteln, unseren eigenen Diktator, der durch Wahlbetrug und Korruption in der Justiz an die Macht gelangt ist und der keinerlei Skrupel hat, Millionen Menschenleben in der Dritten Welt zu opfern, um diese Macht zu erhalten. Und lasst uns auch bedenken, dass die von den USA durchgesetzten Wirtschaftssanktionen der UNO gegen die Zivilbevölkerung des Irak genau am 6. August 1991 in Kraft traten, dem Jahrestag unseres Ersteinsatzes der ultimativen Massenvernichtungswaffe gegen die Bevölkerung von Hiroshima, zumeist wehrlose Frauen, Kinder, und Senioren.
Und schließlich, wenn wir uns bemühen, das prophetische Charisma Michas in unserer eigenen Zeit wiederaufleben zu lassen, so lasst uns nicht an seinem Schicksal verzweifeln: Im Gefängnis zu schmachten, während der König und seine falschen Propheten in den Krieg ziehen. Michas Haft war auch eine Ankündigung von Jesu Erfahrung der Verlassenheit am Kreuz, eine Erfahrung, deren Annahme die Macht des Todes über uns Menschen für alle Zeiten gebrochen hat. Tyrannen mögen sich zuweilen durchsetzen, aber das Erlösungswerk Gottes geht weiter, und letztlich wird Christus über das Böse siegen.
Nur wenige von uns sind berufen, sich wie Micha in den Kreisen der Mächtigen gegen Krieg auszusprechen. Aber wir alle sind aufgerufen, den Balken aus dem eigenen Auge zu entfernen um einander lieben zu können wie Jesus uns geliebt hat. Jeder einzelne und jede einzelne ist aufgerufen, der Verantwortung für das Böse in der eigenen Seele gerecht zu werden, und zwar in jeder Beziehung und in jedem Augenblick. Dies ist der Beitrag, den wir leisten können, um das Reich Gottes »wie im Himmel so auf Erden« näher zu bringen. Möge die Gnade Gottes dieses Leben aus dem Evangelium in uns allen wach halten und durch uns die heilende Gegenwart Christi in diese terrorisierte und von Krieg gezeichnete Welt bringen. Amen.
(Übersetzung: Thorsten de Jong. Aus: CuS 3-4/2002)




