BRSD

Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands e.V.

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Ein Pfarrerleben im Jahrhundert der Diktaturen

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Im Schweriner Stock-und-Stein-Verlag ist die lange erwartete Biografie des Religiösen Sozialisten Aurel von Jüchen erschienen. Verfasser ist der ausgewiesene BRSD-Kenner Ulrich Peter.

Wer  war Aurel von Jüchen?

Jüchens Leben bildet gewissermaßen folienhaft das Jahrhundert der Diktaturen ab. Aufgewachsen in  einer liberalen bürgerlichen Familie in Gelsenkirchen, sozialisiert in einer  deutschnationalen Schule während des Weltkrieges, erlebt er die Umbrüche  nach dem Zusammen­bruch der gewohnten Ordnung, Revolution, Kapp-Putsch und  Reaktion. Die Studentenzeit als Werkstudent, als Theologiestudent auf  Erkundung im Milieu der atheistischen Arbeiter, als Pfarrer im  thüringischen Armenhaus des
Thüringer Waldes. Die „Bekehrung  zur Welt“, die ihn zur Bewegung der religiösen Sozialisten führt, zu deren  wichtigsten Wortführern er bald gehört.
Prophetischer Warner vor  den Nationalsozialisten innerhalb und außerhalb der Kirche, Kämpfer auf der  Straße und in den Versammlungssälen. Als meist-disziplinierter Pfarrer der  Weimarer Republik 1932 dienstentsetzt, Organisationsleiter der religiösen  Sozialisten in Westfalen in der vergeblichen Abwehr des  nationalsozialistischen Einbruchs in die Gremien der Evangelischen Kirche in  Westfalen. Es folgen nach der „Machtübernahme“ bittere Jahre der  Perspektivlosigkeit, der Verzweiflung. 1935 wird er Pfarrer in Mecklenburg, in  einer „nationalsozialistischen, braunen Kirche“ und wird Mitglied des „Bundes  der NS-Pfarrer.“ 1937 Übergang zur „Bekennenden Kirche“, Kriegsdienst, 1945  Desertation. Sozialdemokrat, SED-Funktionär, Jugendpfarrer, Kulturpolitiker.  1949 wegen Kirchenloyalität SED-Ausschluss, 1950 Verhaftung. 6 Jahre Gefängnis und Zwangsarbeitslager in Russland. Rückkehr und Gefängnispfarrer in  Berlin, wo er im Frauengefängnis die 1. Generation des deutschen Terrorismus betreute. Und das ist nur ein Teil des Lebens und noch nicht die gesamte  Person.
 
In der Reichspogromnacht 1939  verhindert Jüchen das Niederbrennen eines Hauses in jüdischem Besitz – zusammen  mit evangelischen Frauen gegen die brandschatzende SA. Ein  einmaliger Fall in Deutschland. Jüchen solidarisierte sich offen mit den  verfolgten Juden.

„Nicht unerwähnt kann ferner  bleiben, daß Sie zu der Behandlung der Judenfrage im Rahmen der  kirchlichen Verwaltung eine Haltung einnehmen, die eines deutschen Geistlichen  unwürdig ist ... Auf Grund der § 2, 16, 18 des vorgenannten Kirchengesetzes wird  hiermit das Disziplinarverfahren ... gegen Sie angeordnet.“ (Brief OKR Schwerin  an v. Jüchen v. 24.3.1939,  Personalakte.)

Am  1. Dezember 1949 meldete die SED-„Landeszeitung“ (Der Demokrat.  Tageszeitung der Christlich Demokratischen Union Mecklenburg, Nr. 281 des 4. Jg.  v. Freitag,  2.12.1949.) in der  Rubrik Aus dem Parteileben: „Die  Landesparteikontrollkommission beschloss, das ehemalige Mitglied der SED,  Aurel v. Jüchen, aus der Partei auszuschließen. Pastor v. Jüchen hat als Mitglied  der SED ein doppelzüngiges Spiel getrieben und versucht, zwischen den  demokratischen Parteien Misstrauen zu säen,
wodurch er die gute  Zusammenarbeit im Block gefährdete. Durch die Schaffung von separaten  Jugendzirkeln betrieb er die Untergrabung der Einheit der Jugend.“

Ulrich Peter :
Möhrenbach-Schwerin-Workuta-Berlin:
Aurel von Jüchen (1902 - 1991)
Ein Pfarrerleben im Jahrhundert der Diktaturen
472 Seiten mit Festeinband, mit Fotos und Ilustrationen
39,50 €, ISBN 3-937447-28-8