Friedrich-Martin Balzer und Manfred Weißbecker haben Texte von Eckert und Fuchs aus den Zeitungen des BRSD als Buch herausgegeben: Erwin Eckert, Emil Fuchs: Blick in den Abgrund. Das Ende der Weimarer Republik im Spiegel zeitgenössischer Berichte und Interpretationen. Ulrich Peter, einer der besten Kenner der Geschichte des BRSD, hat es für uns gelesen.
Ein Freund von mir, der sehr oft für wissenschaftliche Publikationen Bücher bespricht, fragte mich, als ich ihm sagte, dass ich dieses Buch für CuS zu rezensiere hätte, welchen Typ von Rezension ich vorhätte. Es gäbe da den - Typ A: Ich bespreche in Zeitschrift X das Buch von Herrn B unabhängig von seinem Inhalt ausgesprochen positiv und kann mir sicher sein, dass wenn Herr B seinerseits in Zeitschrift Z mein neues Buch vorstellt, er sich dafür erkenntlich zeigt. Im Ergebnis verkaufen wir beide mehr Bücher als sonst. Marxisten nennen dies Ware gegen Ware, italienische Polizisten haben dafür eine andere Bezeichnung.
- Typ B: Herr B hat in seinem letzten Buch / seiner Rezension schlecht über mich geschrieben und meine Verkäufe in Grenzen gehalten. Dagegen ist meine Wut unbegrenzt und ich nutze die Möglichkeit meiner Rezension zum Gegenschlag. Im Ergebnis geht es mir besser und die Verkäufe von Herrn B halten sich auch in Grenzen.
- Typ C: Ich lese das Buch genau, referiere Stärken und Schwächen des Buches und prüfe mich ständig, ob ich noch im Typ C bin oder schon in der Gefahr stehe zu A oder B zu neigen.
Dieses Buch hat zwei Teile. Teil eins besteht aus Aufsätzen. Auf den Seiten 11 bis 57 gibt es eine thematische Einführung der Herausgeber, auf den Seiten 537 bis 555 begleitende Aufsätze von Georg Fülberth, Wolfgang Ruge, Reinhard Kühnl und anderen und abschließend auf den Seiten 559 bis 602 einen Anhang, in dem F.-M. Balzer seine Sicht der Dinge über die »Vertreibung Erwin Eckerts« aus dem BRSD darlegt.
Teil zwei ist geschlossen. Auf den Seiten 61 bis 533 sind alle politischen Wochenberichte im Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes (SDAV - Der religiöse Sozialist) abgedruckt, die beginnend mit der Nummer 42 vom 19. Oktober 1930 unter dem Titel »Die Woche« und endend mit der Nummer Nr. 11 vom 12. März 1933 unter dem Titel »Politik der Woche« erschienen. Der erste Wochenbericht umfasste die Woche vom 5. bis zum 12. Oktober 1930 und der letzte die Woche vom 25. 2. bis zum 4. März 1933. Zu Beginn der Wochenberichte hatte das SDAV einen Umfang von 2 Bögen A 3 mit insgesamt 8 Druckseiten im Format A 4 und der Wochenbericht umfasste etwa 1¼ Seite. 1933 hatte das SDAV einen Umfang von einem Bogen A 2 mit vier Druckseiten im Format A 3 und der Wochenbericht umfasste 2/3 einer Seite.
Die Auflagenhöhe des SDAV betrug 1930 12.000 Stück und für 1931 nannte der Verlag eine Auflage von 15.000 Stück. F.-M. Balzer gibt an, dass die Höchstauflage der Wochenzeitung des BRSD bei 17.000 Exemplaren lag.
Diese Zahl täuscht, da die Zahl der Leserinnen und Leser in der Regel deutlich höher lagen. Ich habe mit Alt-Mitgliedern des BRSD in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von lebensgeschichtlichen Interviews geführt und gelernt, dass in den letzten Jahren der Weimarer Republik eine Arbeiterfamilie (und der BRSD war von seiner Sozialstruktur ein Teil der Arbeiterbewegung) allerhöchstens die Mittel hatte, die jeweilige Parteizeitung zu halten, aber auf gar keinen Fall weitere Blätter. Dies wurde dann so organisiert, dass mehrere Familien sich das Abo des Genossenschaftsblattes, des Freidenkers, aber auch in vielen Fällen des SDAV teilten. In Berlin waren es in einem von mir untersuchten Fall über 10 Familien, die sich ein derartiges Abo teilten. Diese, in den letzten Jahren der Weimarer Republik in immer stärkerem Maße arbeitslosen SDAV-Leser hatten schon materiell kaum Zugang zur Vielzahl der auf dem politischen Marktplatz verfügbaren Informationen. Die SPD-Presse vertrat ihre eingeschränkte »Linie« der Tolerierung der Notverordnungskabinette und die KPD-Presse ihre virtuelle Realitätssicht des Sozialfaschismus und der Gewerkschaftsspaltung.
Es gab allerdings auch eine Reihe von Publikationen, die die Realitäten sehr genau wahrnahmen, den Faschismus als Hauptgefahr analysierten, bei aller Kritik an der Sozialdemokratie nicht aufhörten sie als Teil der Arbeiterbewegung zu akzeptieren und auf den gemeinsamen Kampf der Arbeiterorganisationen gegen die Faschisierung des Weimarer Staates und die aufkommende braune Pest zu orientieren. Sie hatten ein gemeinsames Problem: Die Organe der linken Sozialdemokratie Ostsachsens, Schlesiens und Thüringens, der »Klassenkampf«, später die SAP-Publikationen wie die »Fackel«; die »Permanente Revolution« der Trotzkisten, die »Arbeiterpolitik« und »Gegen den Strom« der KPD (O), der »Syndikalist« der Anarcho-Syndikalisten wie auch links-demokratische Publikationen wie Ossietzkys »Weltbühne«, alle hatten nur wenig Chancen in die Arbeiterhaushalte zu gelangen.
Hier lag der »Sitz im Leben« der Wochenberichte. Aurel von Jüchen, 1932/33 Mitglied im BRSD-Reichsvorstand, nannte die Wochenberichte mir gegenüber den »Pressespiegel«. Damit sollten die SDAV-Leser auf der Höhe der Zeit gehalten werden und aus der Enge der jew. Parteibrille hinausgelangen. Wie der verantwortliche Redakteur der Wochenberichte an seine Informationen gelangte, machte er am Beispiel von Emil Fuchs deutlich, dem er zugearbeitet hatte. Eine Reihe von BRSD-Funktionären, die diverse Publikationen hielten, sahen diese Zeitungen/Zeitschriften auch nach nützlichen Informationen für die Leser des SDAV durch und schickten die betreffenden Artikel an den Redakteur Emil Fuchs, der daraus eine Auswahl traf und sie ins Blatt setzte. Eckert wird es kaum anders gemacht haben. Somit hatte der jew. Redakteur auch die Kompetenz inhaltlich auszuwählen, was durchaus zu Konflikten führte. Ein Beispiel ist ein Brief des damaligen stellvertretenden BRSD-Reichsvorsitzenden Bernhard Göring vom August 1931:
»Die Wochenschau bringt seit mehreren Wochen Berichte, die sich nicht nur kritisch, sondern zum Teil auch tendenziös mit der SPD beschäftigen. Ich wende mich dagegen, daß der ›Religiöse Sozialist‹ neuerdings sich wieder in seinem politischen Inhalt auf den ›Klassenkampf‹ , d.h. auf Seydewitz und Rosenfeld stützt bzw. sein Material aus noch linkeren Quellen schöpft. Der Genosse Eckert ist verpflichtet, die politische Haltung des Bundes im Sinne der Vorstandsbeschlüsse zu wahren.« [Quelle]Wer sich diese Wochenberichte ansieht, wird feststellen, dass oft keine Quellenangaben für die Informationen gegeben wurden. Friedrich-Martin Balzer wies mich zu Recht aufgrund der Vorab-Darstellung dieser Rezension im Internet daraufhin, dass meine Darstellung, dass in der Regel keine Quellenangabe erfolgt sei, in dieser Eindeutigkeit unzutreffend ist. »Die 91 Wochenberichte von Eckert und Fuchs geben 200 Quellen an. Diese verteilen sich auf 82 verschiedene Presseorgane.« (FMB) Das oben genannte Zitat Görings macht deutlich, dass auch nicht verzeichnete Quellen bemerkt worden waren. Aurel von Jüchen erklärte, dass man keine schlafenden Hunde wecken wollte. Hätte die sozialdemokratische Partei mitbekommen,in welchem Maße sich die SDAV-Redaktion in den Wochenberichten in Organen links von der SPD bediente, hätte dies mit Garantie zum Verlust der Unterstützung seitens der SPD geführt.
Worüber wurde nun berichtet?
Über fast alles, was in Arbeiterbewegung und in der Ökonomie Deutschlands und International relevant war bzw. zu sein schien. Dies reprintet zu haben ist das große Verdienst der Herausgeber und macht den Band zu einer Art Sightseeing-Tour durch die letzte Phase der Weimarer Republik und verdeutlicht, wie der »Blick in den Abgrund« sich gestaltete.
Dieser Reprint-Teil lohnt ohne Einschränkung den Kauf und auch das Verschenken dieses Bandes. Zu diesem Ergebnis kommen auch alle mir bisher bekannten Rezensionen des Buches, die u.a. in der »Unsere Zeit« der DKP und in der »Jungen Welt« zum Abdruck kompletter Wochenberichte aus diesem Buch führte.
Stünde dagegen die Mehrzahl der erläuternden Aufsätze allein in diesem Buch, würde ich mich nicht zum Kauf des Buches bewegen lassen und dies liegt nicht daran, dass Veröffentlichungen von mir an manchen Stellen in den Aufsätzen Gegenstand der Kritik sind. Neben einer Vielzahl von Bewertungen der BRSD-Geschichte, die ich für nicht zutreffend halte und die aus Platzgründen nicht im Rahmen einer Rezension zu behandeln sind, ärgert mich die Bewertung der Wochenberichte im historischen Kontext durch die Herausgeber, die ich für heillos überhöht halte und wo ich nicht weiß, ob dies eine Strategie zur Verkaufförderung (so nach dem Muster der Bücher über die Qumran-Funde) ist oder eigene Überzeugung.
Manfred Sohn hat in seiner UZ-Rezension sanft auf das Problem hingewiesen.
»Nach so viel Lob muss ich auch noch Kritik loswerden. Die beschränkt sich jedoch nur darauf, dass Balzer und Weißbecker sich doch ein bisschen stark in ihren Forschungsgegenstand verliebt zeigen und Eckert und Fuchs in etwas überirdische Geistesregionen befördert haben. Wenn sie etwa schreiben, »vergleichbaren Leitartikeln und Kolumnen anderer Zeitungen jener Jahre dürften sie weit überlegen sein« (S. 30), tun sie damit nicht nur beispielsweise der von Eckert und Fuchs häufiger mit Hochachtung herangezogenen »Weltbühne« von Ossietzky Unrecht, sondern müssen sich auch von Kühnl in dessen »Nachbetrachtung« sagen lassen, dass manche »zeitgenössischen Analysen des linken Flügels der Arbeiterbewegung ... tiefer reichende Analysen der Klasseninteressen (liefern), die sich mit dem Faschismus verbanden.« (S. 542).Reicht es nicht aus, dass Eckert und Fuchs im SDAV sinnvolles und wichtiges abdruckten und damit die Welt in ihrer Wirklichkeit abbildeten? Ist es nicht wohltuend genug, dass sich der BRSD mit allen seinen (begrenzten!) Möglichkeiten gegen die Zerstörung der ersten deutschen Demokratie wandte?
Scheinbar nicht. Der Verlag verbreitet ein Werbeblatt und Anzeigen, in denen der von mir sehr geschätzte Nestor der DDR-Historiographie Wolfgang Ruge zitiert wird: »Bei diesen Berichten, die sowohl von der bundesrepublikanischen als auch von der DDR-Forschung bewusst verschwiegen wurden...«
In der DDR war so ziemlich alles, was der völligen Engführung der offiziellen Parteigeschichtsschreibung nicht entsprach, unzulässig. Dazu gehörte alles was nicht zur KPD-Linie gehörte und auch in der KPD alles, was nicht der späteren Draufsicht entsprach, eingeschlossen die unzähligen Geschichtsfälschungen und die von Hermann Weber schon vor Jahrzehnten angemerkten Retuschierungen von Fotos von KPD- und Komintern-Kongressen. Insofern wurden die Publikationen des BRSD nicht anders behandelt als die der Mehrzahl der Organisationen der Arbeiterbewegung, allerdings war das SDAV nach meiner Erinnerung in DDR-Bibliotheken ohne »Giftschrank-Schein« zu entleihen, was für KPD (O) und andere KPD-Konkurrenz nicht zutraf.
Im Westen dagegen war das SDAV, wenn auch meistens unvollständig, in einer Reihe von Archiven und Bibliotheken vorhanden und wurde auch in einer Reihe von Arbeiten, die ich aus Platzgründen nicht aufzähle, ausgewertet. Allerdings im Regelfall bezogen auf politisches Handeln und/oder Theologie. Dass erst 1988 mit Jörg Ettemeyer erstmalig intensiv das SDAV bezüglich der Wochenberichte ausgewertet wurde hat seine Ursachen in der Entwicklung der Forschung zur BRSD-Geschichte und ganz bestimmt nicht im bewussten Verschweigen von wem auch immer.
Dass Wolfgang Ruge so etwas schreibt, ist das eine. Vielleicht weiß er es nicht besser. Die Herausgeber, nehme ich an, wissen es.
Erwin Eckert, Emil Fuchs: Blick in den Abgrund. Das Ende der Weimarer Republik im Spiegel zeitgenössischer Berichte und Interpretationen,(aus CuS 1/2003)
Pahl-Rugenstein Verlag Nachf. Bonn 2002, 646 Seiten, 32 ¤




