Leitsätze für die Arbeit des Bundes der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands e.V. (BRSD)

1. Einleitung: Allgemeine Zielsetzung

1.1. Als Christinnen und Christen sind wir Teil einer Bewegung, die auf Sozialismus zielt. In unserer Arbeit nehmen wir Bezug auf biblische Traditionen und Erfahrungen. Wo Menschen für eine gerechte und humane Gesellschaft kämpfen und sich nach Befreiung von Unterdrückung sehnen, erkennen wir die Hoffnung auf das Reich Gottes, von der der Schweizer religiöse Sozialist Leonhard Ragaz sagt: "Gottes Reich ist nicht von dieser Welt, aber für diese Welt!" Wir wissen: Das Reich Gottes ist uns nicht verfügbar; dennoch ist es unsere Aufgabe, daran mitzuarbeiten. Den Weg des Sozialismus sehen wir als eine unserer Möglichkeiten, am Reich Gottes mitzuarbeiten.

1.2. Unser Ziel ist eine solidarische Gesellschaftsordnung, in der die Menschen im Mittelpunkt stehen. Richtschnur dieser Praxis ist für uns das Evangelium und das verheißene Reich Gottes. Die Bibel spricht von dem Gott, der aus Unterdrückung und Ausbeutung befreit, der Unrecht anprangert und Gerechtigkeit will, der "die Mächtigen vom Thron stößt und die Erniedrigten aufrichtet". Jesus von Nazareth hat das "Reich Gottes" für diese Erde verkündet.

1.3. Wo wir als Christinnen und Christen innerhalb von Kirchen und Religionsgemeinschaften leben, achten wir darauf, dass sich in ihnen die folgenden biblischen und theologischen Impulse durchsetzen können:

- Option für die Armen (d.h. unter anderem Zuwendung zu den gesellschaftlich Ausgegrenzten und Hinwendung zum Fremden)
- Bewahrung der Schöpfung
- gesellschaftliche Arbeit in der Nachfolge Jesu und der Jesusbewegung.

In ihrer Geschichte haben sich die Kirchen aller Bekenntnisse nur selten auf die Seite der Unterdrückten und Entrechteten gestellt und dadurch das Evangelium verfehlt. Das Erbe der religiösen Sozialistinnen und Sozialisten nach 1918, die ökumenische Bewegung und die Bekehrung weiter Teile der Kirchen "durch die Armen" im Zusammenhang der "Theologie der Befreiung" in den letzten Jahrzehnten führte inzwischen in den Kirchen, die sich in ihrer Geschichte so gleichförmig dem Kapitalismus angepasst haben, zu einer Öffnung, die zu einer grundlegenden Erneuerung führen kann.

1.4. Als religiöse Sozialistinnen und Sozialisten sind wir für alle theologischen Richtungen offen, die keinen Absolutheitsanspruch erheben und sich einem rationalen Diskurs nicht verschließen. Theologien und Kirchen dürfen nicht hinter die bürgerliche Aufklärung zurückfallen, wie es in den christlichen Kirchen leider von fundamentalistischen Gruppen angestrebt und versucht wird. Dogmatismus, Fanatismus und moralischen Rigorismus lehnen wir ab. Innerhalb der sozialistischen Bewegung geben Christinnen und Christen darauf acht, dass nicht "der Zweck die Mittel heiligt". Seine Feinde zu lieben, bedeutet dabei aber z.B. nicht, Konflikte zu umgehen , sondern nach gewaltfreien Wegen zu suchen, um Gegensätze auszutragen und zu überwinden. Gewalt kann nur ein letztes Mittel sein, wenn andere Wege versagen.

1.5. Als religiöse Sozialistinnen und Sozialisten setzen wir uns für eine radikale und grundsätzliche Veränderung der privat-kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu einer sozialistischen Gesellschaft durch einen Prozess der Solidarisierung, Selbstbestimmung und Vergesellschaftung ein. Von diesem Prozess erwarten wir, dass er schwierig und langwierig sein wird. Der unmittelbare Ansatzpunkt unserer Arbeit ist die Situation in der Bundesrepublik und in Europa.

1.6. Die kapitalistische Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Produktivkräfte in Destruktivkräfte umschlagen. Die sozialistische Bewegung ist seit ihren Anfängen als Protestbewegung gegen diese, dem Kapitalismus innewohnende Tendenz zu verstehen. Als Teil dieser Bewegung stellen wir fest:

Unser kapitalistisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist über Privateigentum an den Produktionsmitteln und freie Konkurrenz an Profitmaximierung und Warenproduktion orientiert und wird dadurch den Bedürfnissen der Menschen und dem, was sie benötigen, nicht gerecht. Diese Gesellschaftsordnung produziert Arbeitslosigkeit, Armut, ökologische Zerrüttung und weltweite Verelendung, selbst bei gleichzeitig steigenden Profitraten, und löst ihre periodisch auftretenden Krisen durch Problemabwälzung auf die Schwächsten. Wir sind der Überzeugung, dass der Kapitalismus auch in Zukunft diese von ihm erzeugten und reproduzierten Probleme lediglich zu verwalten, nicht aber zu lösen imstande sein wird, da die Probleme strukturell bedingt sind und systematischen Charakter haben. Die kapitalistische Ordnung der Produktion, Verteilung und des gesellschaftlichen und privaten Verbrauchs selbst steht der Lösung dieser Probleme entgegen.

1.7. In unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem sind die Menschen weitgehend nicht selbstbestimmt handelnde Subjekte, sondern sie werden als Abhängige fremdbestimmt und zu Objekten der Produktionsverhältnisse erniedrigt. Dies betrifft auch ihre Rolle als Konsumentinnen und Konsumenten, denn die moderne kapitalistische Bedürfnisweckung und -steuerung und die damit einhergehende zentralistische Lenkung des Konsumsverhaltens sind Fremdbestimmungen, denen sich nur wenige entziehen können. In der kapitalistischen Gesellschaft erscheinen alle sozialen Beziehungen der Individuen zueinander als gesellschaftliche Beziehungen der Sachen. Dieses Phänomen wurde in der sozialistischen Theorie als Entpersönlichung, als Verdinglichung bezeichnet.

Für uns folgt daraus, dass der Kampf für eine Transformation der kapitalistischen Gesellschaftsordnung das vernünftige Ziel von Sozialistinnen und Sozialisten war und bleibt. Es gilt, die Ausbeutung der Vielen durch die Wenigen, das Leben der Wenigen auf Kosten der Vielen zu überwinden und eine demokratische Gesellschaftsordnung durchzusetzen, in der die Klassengegensätze abgeschafft, die Teilhabe aller am Sagen und Haben durchgesetzt sind und vernunftgeleitete Planung möglich wird.

Es gilt, einen Weg zu einer neuen Gesellschaftsordnung zu beschreiten, in der die Verdinglichung der Menschen überwunden werden kann. Zweck, Inhalt und die Art und Weise der gesellschaftlichen Produktion und Verteilung müssen vom grundlegenden Prinzip einer konsequenten Demokratisierung des Wirtschaftslebens ausgehen. Diese Demokratisierung können wir uns nur als basisdemokratisches Selbstverwaltungsmodell vorstellen.

"Der Sozialist kämpft für eine strukturelle Veränderung, insofern ist er revolutionär. Die Veränderung, um die es geht, ist ein langer Prozess, insofern denkt er evolutionär". (Helmut Gollwitzer)

1.8. Uns ist bewusst, dass die Durchsetzung der sozialistischen Demokratie auf größte Widerstände stößt.

- Wir sehen die Fähigkeit des kapitalistischen Systems, gerade auch seine Opfer an sich zu binden, indem die zerstörerischen Folgewirkungen als schicksalhafte Naturereignisse erscheinen und durch die Hoffnung auf zukünftige Privilegien gegenwärtige Loyalität auch bei den Unterprivilegierten sichergestellt werden kann.

- Wir sehen die Bereitschaft weiter Teile der herrschenden Eliten in den kapitalistischen Zentren, jede Art von fundamentaler Systemveränderung effizient zu verhindern, unter Androhung und Anwendung aller zur Verfügung stehenden ideologischen und militärischen Mittel.

- Wir sehen die geringe Akzeptanz für sozialistische Politik und Inhalte in der Öffentlichkeit durch die Gleichsetzung solcher Ansätze mit dem, was "im Namen des Sozialismus" in der Vergangenheit Menschen angetan wurde.

- Wir sehen auch, dass durch den Zusammenbruch der "real-sozialistischen" Ostblockstaaten die Resignation im Angesicht des übermächtig erscheinenden kapitalistischen Weltsystems auch bei solchen Sozialistinnen und Sozialisten zugenommen hat, die sich mit diesem "Realsozialismus" nie identifizierten.

So droht in dieser Gesellschaftsordnung ausschließlich jene Geisteshaltung als vernünftig anerkannt zu werden, die sich mit der unvernünftigen kapitalistischen Produktionsweise einverstanden und sie als beste aller Welten erklärt.

Dagegen halten wir daran fest, dass die Überwindung des Kapitalismus und die Durchsetzung einer neuen, sozialistischen Gesellschaftsordnung von Vernunft und Moral geboten bleiben und daher auch in Zukunft die Zielrichtung für unser politisches Handeln bestimmen werden.

1.9. Diese Überwindung des Kapitalismus und der Aufbau einer neuen, sozialistischen Gesellschaftsordnung erfasst die Gesellschaft als Totalität. Sie verändert nicht nur das Eigentum an Produktionsmitteln, sondern betrifft ebenso die Formen und die Inhalte des menschlichen Zusammenlebens. Der Bereich der Geschlechterverhältnisse, der Erziehung, der Ausbildung, der Sozialbezüge, der Stellung im Arbeitsprozess, die Rolle der Medien und der Kulturindustrie, der Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen sind in der Geschichte der sozialistischen Bewegung nur unzureichend beachtet worden. Für eine neue sozialistische Bewegung, zu der wir uns zählen und an deren Stärkung wir mitarbeiten, sind diese Bereiche keine zu vernachlässigenden Nebenwidersprüche mehr, sondern zentrale Fragen und Aufgaben, an denen sich die Legitimation und die Chancen einer sozialistischen Alternative entscheiden.

1.10. Das Scheitern des staatssozialistischen Weges im Osten ("realer Sozialismus") und das ebensolche Scheitern (allerdings nicht in so spektakulärer Form wie beim "Realsozialismus") des sozialdemokratischen Sozialstaats-Sozialismus stellen einen nicht-staatsfixierten Sozialismus auf die historische Tagesordnung. Macht- und Herrschaftsverhältnisse wie z.B. Hierarchien und Bürokratien müssen abgebaut werden. Die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln ist für uns die notwendige Voraussetzung einer sozialistischen Gesellschaft, aber nicht ihr zentraler oder gar alleiniger Inhalt.

2. Historische Wurzeln

2.1. Die Bezeichnung "religiöse Sozialistinnen und Sozialisten" ist in Deutschland 1919 in einer bestimmten historischen Situation und Kampfstellung entstanden. Diese Bezeichnung ist eine Quelle ständiger Fehlinterpretationen und Missverständnisse. Nicht gemeint ist:

- religiös im Sinne eines allgemeinen Religionsbegriffes (Jede/r glaubt doch an irgend etwas!)
- "religiöser Sozialismus" als etwas Unterschiedliches zu nicht-religiösen Sozialismusdefinitionen und Konzeptionen (dies hat die CDU 1947 als
"christlichen Sozialismus" im Ahlener Programm versucht und manche Vertreter der SPD nach dem Zusammenbruch des Ostblocks)
- die Ineinssetzung von Reich Gottes und Sozialismus
- die Herbeiführung des Reiches Gottes durch menschliches Tun.

Mit "religiöse Sozialistinnen und Sozialisten" war und ist immer gemeint:
a.) wir sind als Christinnen und Christen zugleich Sozialistinnen und Sozialisten.
b.) wir sind dies aus christlichem Glauben heraus, wir warten auf Gottes kommendes Reich - aber wir warten "tätig".
c.) Die Verwirklichung des Liebesgebotes und die Befreiung des Menschen durch Jesus lässt uns nach sozialistischen Konzeptionen suchen, in denen die gegenseitige geschwisterliche Hilfe und die Möglichkeit und die Selbstentfaltung des einzelnen Menschen - als Bedingung der Selbstentfaltung aller - Leitlinien sind.

2.2. Sozialismus

a.) Frühsozialismus:

Etwa seit Beginn des 19. Jahrhunderts machten sich vor allem in Frankreich und England politische Lehren bemerkbar, die ideengeschichtlich als "utopischer oder Früh-Sozialismus" eingeordnet werden. Der Begriff "Sozialismus" wird seit 1830 gebraucht und bedeutete im damaligen Kontext eine neue Lebensform. Der "utopische Sozialist" Karl Grün sprach vom Sozialismus als dem "alles bezeichnenden Wort für die neue Epoche, für die neue wahre Bildung; das schön unruhige Wogen der Menschheit im sichern Kahne neuer organischer Lebensgesetze wird wesentlich und durchaus sozial sein." Der "Frühsozialismus" brachte eine Vielzahl unterschiedlichster Modelle und Ansätze heraus, die allesamt eine bessere Gesellschaft schaffen sollten. Da konkurrierte ein Agrarsozialismus mit Modellen, in denen das Geld abgeschafft war, Vertreter von Konzepten, die auf Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln abzielten, mussten sich in den eigenen Reihen mit Verfechtern des Privateigentums auseinandersetzen.

In dieser Vielzahl von Tendenzen und Ansätzen gab es auch eine Strömung, die von einem Bergpredigt-Christentum ausgehend argumentierte. So trat etwa Moses Heß (1812-1875) für eine "Religion der Liebe und Menschlichkeit" ein. Schon vor ihm hatte der französische Priester und Abt Felicite de Lamenais (1782-1854) die Vision eines Gottesreiches auf Erden entworfen. Dieses Gottesreich verwirklichen bedeute, die natürliche Gleichheit und Freiheit der Menschen sowie die Brüderlichkeit unter ihnen wiederherzustellen. In Deutschland ist dieser "Liebes - Kommmunismus" vor allem mit der Person des Schneiders und "Handwerker-Kommunisten" Wilhelm Weitling (1808-1878) verbunden. Weitling vertrat im jesuanischen Sinne die Gütergemeinschaft und entwarf eine Verfassung der künftigen kommunistischen Gesellschaft, die bereits Anklänge an spätere räte-kommunistische Konzepte aufweist.
Eine besondere Bedeutung kommt den Frühsozialisten Charles Fourier, Robert Owen und Saint-Simon zu. Charles Fourier steht dabei für seine phantasievolle Denkweise bei allgemein anerkanntem soziologischem Scharfsinn gegen einseitig rationale Handlungsschemata wie sie bspw. der Stalinismus hervorgebracht hat.

b.) Anarchismus

Ein bedeutsamer Traditionsstrang ist die breit ausdifferenzierte Bewegung des Anarchismus. Anarchismus wird zu Unrecht auf seinen kleinen terroristischen Flügel reduziert, und die theoretischen und praktischen Leistungen werden ignoriert. Der Anarchismus wurde oft durch die Brille bürgerlicher und stalinistischer Darstellung gesehen und verzerrt und als Synonym für Unordnung und Chaos betrachtet. Der französische Anarchist Pierre Joseph Proudhon definierte Anarchie demgegenüber so: "Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft". Im Zentrum des Anarchismus, der von vielen seiner VetreterInnen auch als "libertärer Sozialismus" definiert wird, stehen der sozialistische Freiheitsgedanke und die Abschaffung des Staates, der als Zwangsgewalt verstanden wird. Wesentlich ist die Freiheit des Individuums und seine Assoziation mit anderen. Gegen den in der marxistischen Arbeiterbewegung herrschenden Zentralismus setzte die anarchistische Kritik auf dezentrale Strukturen, gegen die Tendenz der Bürokratisierung die Selbstverwaltung der ProduzentInnen und KonsumentInnen. Sozialismus ist keine Parteisache, sondern die Sache der Menschen selbst! Auch wenn es der anarchistischen Bewegung nicht gelang, ihre Ziele zu realisieren, und es über kleine Ansätze etwa 1920/21 in der Ukraine und 1936 in Katalonien nicht hinausging, hat die anarchistische Bewegung wichtige Impulse für Theorie und Praxis religiöser SozialistInnen geliefert. So hat etwa der Anarchist Gustav Landauer stark Martin Buber beeinflusst und auch die Kibbuzim-Bewegung steht in der Traditionslinie anarchistischer Kommunen. Leonhard Ragaz zog Analogien zwischen dem "heiligen Anarchismus" der Bibel und einem Anarchismus, wie er etwa von Tolstoj vertreten wurde. Gerade nach dem Ende der staatssozialistischen Experimente ist es wichtig, sich der Kritik des Anarchismus an einer "Verstaatlichung" des Sozialismus zu erinnern und die Anfragen nach individueller Freiheit, kommunitärem Aufbau, Selbstverwaltung und Dezentralisierung aufzunehmen.

2.3. Marxismus

a.) Marxismus als pluraler Marxismus

Der Marxismus, verstanden als Lehre von Karl Marx und Friedrich Engels, ist wirksam als radikale Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus. Hierin liegt für uns die bleibende Aktualität marxistischer Ansätze. Wir wählen den Plural bewusst, denn den "einen" Marxismus hat es schon zu Lebzeiten von Marx nicht gegeben. Das Werk von Marx und Engels teilt das Schicksal der Interpretationsfähigkeit mit vielen Philosophen, und bei Gesellschaftswissenschaftlern wie diesen ist die Vielzahl der Interpretationsmöglichkeiten eher noch größer. Dies belegt die kaum noch zu überblickende Zahl von "Schulen". Angesichts starker Bestrebungen in der Öffentlichkeit, mit dem Verweis auf Irrtümer von Marx und Engels sich auch ihrer zutreffenden Gesellschaftsanalyse zu entledigen, stellen wir fest: Ein pluraler Marxismus, verstanden als Soziologie, d.h. als Theorie gesellschaftlicher Entwicklungen, ist für uns überaus nützlich und bei der Beurteilung gesellschaftlicher Vorgänge unverzichtbar.

Die Schwächen der marxistischen Theorie, wie z.B. Ausblendung der ökologischen Fragestellung und die Bewertung der Frauen(/Männer)-Frage als Nebenwiderspruch gilt es in der Fortentwicklung der Theorie aufzuheben.

Allerdings wissen wir uns mit Marxistinnen und Marxisten in der Ablehnung verschiedener Marx-Deutungen einig.

- Dazu gehört ein Marxismus, der zur Behördenverwaltung durch das ZK einer Partei führt, welches verfügt, was im Sinne des "Marxismus" falsch oder richtig zu sein hat.

- Dazu gehört ein Marxismus, der sich zu einer totalen Philosophie aufwirft, ideologisiert, kanonisiert und undialektisch zu einer Weltanschauung gerinnt, vor der sich Religion, Philosophie und alle anderen Wissenschaften zu verantworten haben. Der ideologische Kollaps der ehemaligen Ostblock-Staaten ist auch ein Ausfluss dieser Marx-Fehldeutungen.

- Dazu gehört ein Marxismus im Sinne einer Theorie, die entweder ganz zu akzeptieren ist, oder gar nicht. Eine solche Forderung widerspricht allen Voraussetzungen wissenschaftlichen Denkens.

Im Gegensatz zu denen, die an den Marxismus "glauben" und denen, die von uns eine Distanzierung vom Marxismus verlangen, halten wir an den Errungenschaften von 130 Jahren marxistischer Theorie- und Strategiebildung fest.

b.) Leninismus

Lenin und die alte Garde der Bolschewiki haben eine Revolution in einem Land durchgeführt, in dem alle Voraussetzungen für einen Sozialismus fehlten. Dies wissend, weigerte sich Lenin lange, von einer "sozialistischen Revolution" in Russland zu sprechen und sah in keiner Weise die russische Erfahrung als Vorbild und nachzuahmendes Beispiel für die internationale sozialistische Bewegung an. Erst die Isolierung Russlands durch das Ausbleiben der Revolution im Westen und der daraufhin proklamierte Aufbau des "Sozialismus in einem Land" und die Kanonisierung eines "Marxismus-Leninismus" durch Stalin und seine Epigonen machte die Ausnahme zur Regel. Die Herrschaft der Sowjets (= Räte) wurde durch die Herrschaft der Bürokratie ersetzt, in der Partei herrschte erst das ZK und dann nur noch Stalin, Abweichler wurden erst wie Trotzki ins Exil geschickt, später zu Millionen umgebracht. Die Diktatur des Proletariats wurde zu einer Diktatur über das Proletariat pervertiert.

Gegenüber dieser Ausprägung des Leninismus, die kenntlich machte, zu welchen fürchterlichen Konsequenzen Systeme kommen können, in denen der Zweck die Mittel heiligt und in der die bürgerliche Demokratie, statt zu einer sozialistischen Demokratie weiterentwickelt zu werden, ersatzlos abgeschafft wurde, vertreten wir den Gedanken und das ursprüngliche Konzept einer sozialistischen Demokratie.

Streikrecht, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit, Meinungsfreiheit und die Freiheit der Reise sind kein Luxus, sondern unverzichtbare Voraussetzungen eines Sozialismus, für den sich Menschen engagieren können. Auch im Sozialismus wird es weiterhin einen Streit unterschiedlicher Positionen geben. Diese Positionen bedürfen ihres organisatorischen Ausdrucks, seien es nun Parteien oder andere Organisationsformen.

2.4. Der historische Strang des religiösen Sozialismus

In Anknüpfung an den "Liebeskommunismus", wie er von der christlichen Urgemeinde berichtet wurde (Pazifismus, Güter-Gemeinschaft etc.), zieht sich durch die Kirchengeschichte eine Unterströmung von sozialen und revolutionären Ideen und Bewegungen. Diese Unterströmung trat manchmal als Teil der "offiziellen Kirche" in Erscheinung, zu nennen sind hier u.a. Thomas von Aquin, Thomas Morus (der Verfasser von "Utopia") und der Jesuitenstaat in Paraguay. Häufiger aber standen diese Bewegungen im Widerspruch zur "offiziellen Kirche" und wurden von dieser ausgegrenzt, verfolgt, ihre Anhänger getötet. Als einige Beispiele seien die Franziskaner-Spiritualen, die Beginen, die Waldenser, die Anhänger Wyclifs, die Hussiten und die Täufer genannt. Evangelische und katholische Kirche verfolgten ihre jeweiligen Ketzer in einer beinahe "Ökumene von oben". Diese Ideen haben aus den unterschiedlichsten Entwürfen heraus immer wieder fortgelebt.

Als 1899 und 1900 mit Christoph Blumhardt, einem Pietisten, und Paul Göhre, einem Liberalen, unabhängig voneinander zwei bekanntere evangelische Theologen der SPD beitraten, begann eine Bewegung zu entstehen, die ihren Ausdruck und ihre Form im religiösen Sozialismus fand. Von Anfang an kamen religiöse Sozialistinnen und Sozialisten aus den verschiedensten theologischen Lagern des jüdisch-christlichen Spektrums. Es gehört zu den Kennzeichen des religiösen Sozialismus, selbst keine neue theologische Richtung geschaffen zu haben. Auch die oft mit dem religiösen Sozialismus gleichgesetzten Theologien der Schweizer Hermann Kutter und Leonhard Ragaz sind nur zwei von vielen Entwürfen, die diese Bewegung geprägt haben. Nach 1920 wendeten sich verstärkt auch Mitglieder des liberalen evangelisch-sozialen Kongresses dem Sozialismus zu. So fanden sich im Religiösen Sozialismus schon bald neben Liberalen und PietistInnen auch orthodoxe LutheranerInnen, katholische MontanistInnen, AnhängerInnen der dialektischen Theologie wie auch orthodoxe, zionistische und liberale Jüdinnen und Juden. Diese Liste lässt sich heute, nach fast 100 Jahren, sicher noch erweitern. Aus der Arbeit religiöser Sozialistinnen und Sozialisten sind der Theologie wichtige Anstöße erwachsen. Vor allem die evangelische Sozial- und Wirtschaftsethik hat davon profitiert.

Dieses Erbe der theologischen Pluralität und Kompetenz gilt es in Zeiten, in denen auf der einen Seite Fundamentalismus und auf der anderen moralischer Rigorismus fröhliche Urständ feiern, zu bewahren und neu zu beleben.

Bei der Suche nach einer neuen Spiritualität war für die Laiinnen- und Laienbewegung religiöser Sozialismus ein wichtiges Anliegen. Schon früh wurden Gottesdienste und andere Formen von Glaubensfeiern (z.B. zum ArbeiterInnen - Kampftag, zum Anti-Kriegstag etc.) erprobt. Auch dieses Bemühen um eine Verbindung von Spiritualität und politischer Arbeit gilt es heute weiterzuführen und weiterzuentwickeln.

2.5 Der Bund der religiösen Sozialistinnen und Sozialisten (BRSD)

Nach dem 1. Weltkrieg bildeten sich in Baden, Thüringen, im Rheinland und in Norddeutschland Gruppen religiöser SozialistInnen. Im Dezember 1919 entstand in Berlin die erste Organisation, die den Namen "Bund der religiösen Sozialisten" trug. 1924 schlossen sich diese regionalen Verbände zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen und 1926 entstand daraus die Reichsorganisation des BRSD.

1933 bestanden 11 Landesverbände mit ca. 25.000 Mitgliedern. An überregionalen Organen erschienen die Wochenzeitung "Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes" und die theoretische "Zeitschrift für Religion und Sozialismus". Neben den Landesverbänden bestanden:

- eine AG der katholischen Sozialisten, die von Heinrich Mertens und Otto Bauer geleitet wurde
- und eine AG jüdischer Sozialisten, die besonders stark in Berlin und Frankfurt vertreten war
- die Bruderschaft sozialistischer Theologen, die 1930 210 von 16.000 ev. Pfarrern umfaßte.

Von seinem Ursprung her war der BRSD ein doppelter Versuch:

- einerseits ging es darum, in der bürgerlichen-deutschnationalen Kirche das "Heimatrecht" für sozialistische Arbeiterinnen und Arbeiter durchzusetzen und die Kirche so zu verändern, dass sich diese auch in ihr wohl fühlen konnten. Dies charakterisiert den BRSD als Kirchenreformbewegung in seinem klassischen Drei-Schritt: "In der Kirche - Gegen die Kirche - Für die Kirche!"

- andererseits war er der Versuch, die sozialistische Option für religiöse (christliche wie jüdische!) Bevölkerungsgruppen aus der Arbeiterschaft und den Zwischenschichten attraktiv und gangbar zu machen!

Der BRSD führte in der Weimarer Republik einen entschiedenen Kampf gegen Militarismus, Nationalismus und sehr früh gegen den aufkommenden Faschismus. Dies machte den BRSD gerade bei der gesellschaftlichen Rechten verhasst und bedeutete nach dem Beginn der Nazi-Ära sein Ende durch die staatliche Repression. Nach 1945 entstand der BRSD neu. Die 1946 in der SBZ entstandenen Regionalgruppen verfielen der Auflösung, viele ihrer InitiatorInnen flohen in den Westen, einzelne wurden inhaftiert. Im Westen wurde der Bund im kalten Krieg zwischen den Machtblöcken zerrieben. In den 70er Jahren war nur ein kleiner Rest übrig geblieben, der zusammen mit Christinnen und Christen aus der Studentenbewegung den Bund neu aufbaute.

Der "Internationale Bund der religiösen Sozialistinnen und Sozialisten" wurde 1928 gegründet und umfasst heute Organisationen in einer Vielzahl von Ländern in den meisten Erdteilen, darunter u.a. in Nicaragua, Schweden, den USA, Österreich und den Niederlanden. Der BRSD ist seit Gründung des Internationalen Bundes Mitglied.

2.6. Die religiösen Sozialistinnen

Eine weitere Wurzel ist die breite Frauenbewegung der Weimarer Zeit. Es war kein Zufall, dass etwa der rheinische BRSD 1929 auf der Kirchensynode ein Vikarinnen-Gesetz beantragte, dass den Frauen die gleichen Rechte wie den Männern im Pfarramt bis hin zur Ordination gewährte. Namen wie Minna Cauer, Lydia Stöcker, Hildegard Wegscheider usw. sind als aktive BRSD\'lerinnen zu nennen. Ihrem Wirken ist es zu verdanken, dass sich der Bund in der Bewegung zur Abschaffung des Paragraph 218 engagierte und die Arbeit der von der Frauenbewegung und fortschrittlichen Medizinern eingerichteten Sexualaufklärungs- und -beratungsstellen unterstützte. Der BRSD hatte unter seinen Mitgliedern sehr viele Frauen (z.B. in Berlin lag der Frauenanteil bei ca. 40%), was sich im Gegensatz zu anderen Organisationen auch in den Funktionen auswirkte. Arbeiterinnen, Lehrerinnen usw. waren in vielen Bereichen die Trägerinnen der örtlichen und regionalen Arbeit. Da die bisherige Geschichtsschreibung des religiösen Sozialismus sich überwiegend mit den "großen Männern" beschäftigt hat, ist die Geschichte der religiösen Sozialistinnen noch nicht geschrieben. Diese steht noch aus und wird hoffentlich bald geschrieben werden.

3. Hauptziele und Perspektiven unserer Arbeit

3.1. Der "fortschrittliche Block" und die "Hegemoniegewinnung"

In der Weimarer Republik und in den ersten Jahren nach 1945 verstand sich der BRSD als Einheitsorganisation, die Mitglieder christlichen und jüdischen Glaubens umfasste, die sich politisch in den beiden Arbeiterparteien SPD und KPD beheimatet fühlten. Ebenso waren die Mitgliedschaft und das Engagement in den DGB-Gewerkschaften selbstverständlich. Durch die Transformation der SPD zur Volkspartei und die Veränderung der gesamten politischen Landschaft der BRD ist zu konstatieren, dass es eine sozialistische Bewegung in der BRD nur marginal gibt und dass diese gerade im klassischen ArbeiterInnenbereich äußerst schwach ist. In den Parteien links von der Mitte gibt es wie in SPD und PDS nur sozialistische Minderheiten unterschiedlicher Stärke und die Herausbildung einer grün-alternativen Partei hat das traditionelle Parteiensystem nachhaltig verändert. Es gibt seit der 68er Bewegung eine Vielzahl von kleinen Gruppierungen, in denen (auch) SozialistInnen organisiert sind. Die linke Bewegung ist heute keine Parteienbewegung mehr, sondern besteht aus unterschiedlichsten Tendenzen, Motivationen und Konzeptionen. In dieser pluralen und bunten Gesamtheit haben wir unseren Platz im Spannungsfeld von Kirche und Gesellschaft.

Der BRSD versteht sich als linke Bündnisorganisation und ist mit keiner Partei verbunden. Wir unterstützen alle Bestrebungen in den Parteien, die auf soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung gerichtet sind. Wir sehen für die Zukunft die Notwendigkeit der Herausbildung eines fortschrittlichen Blocks über die Parteigrenzen hinweg. Dieser "fortschrittliche Block" konstituiert sich aus einer ökologisch neu orientierten ArbeiterInnenbewegung, den sozialen Bewegungen und den progressiven Teilen der Kirchen. Hieran und bei der Gewinnung der gesellschaftlichen Hegemonie für ökologische und sozialistische Positionen mitzuwirken, ist Hauptziel unserer Arbeit.

Die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und das Verhältnis zu Parteien bestimmt sich durch unsere Grundauffassung, wie sie in diesen "Leitsätzen" definiert sind. Auf diesem Hintergrund können wir uns nicht vorstellen, dass derzeit etwa BRSD-Mitglieder sich politisch in CDU oder FDP oder in stalinistischen Sekten wiederfinden können.

Wir fühlen uns mit Gruppen und Bewegungen verbunden, die in basisdemokratischen Strukturen und in der Tendenz in die gleiche Richtung arbeiten wie wir. Dazu rechnen wir Friedensgruppen, Umwelt- und Frauengruppen, Gruppen, die sich für die Solidarität mit der 3/4-Welt engagieren, Initiativen in Schulen und Hochschule, Selbstorganisationen von Arbeitslosen, Sozialhilfe - EmpfängerInnen u.v.m. Ebenfalls wollen wir alternative Netzwerke unterstützen und in ihnen mitarbeiten.

3.2. Wir betrachten die DGB-Gewerkschaften als die historisch als Selbsthilfeorganisationen der Lohnabhängigen entstandenen Organisationen. Hierin haben sie auch heute noch ihre Legitimation. Aber ebenso wie die traditionellen Parteien der Arbeiterbewegung haben sich auch die Gewerkschaften verändert. Die gesellschaftlichen Brüche und der Niedergang der traditionellen Arbeiterbewegung bilden sich auch in den Gewerkschaften ab, große Einzelgewerkschaften orientieren sich mehr an einer abstrakten Sozialpartnerschaft, was oftmals völlig konträr zu den Interessen der Mitglieder steht, während andere DGB-Gewerkschaften weiterhin vom Interessengegensatz von Lohnarbeit und Kapital ausgehen. Hinzu kommt eine weitgehende Verbürokratisierung, mit der ein immer stärker werdender Verlust der gewerkschaftlichen Ethik einhergeht. Die Skandale um die Neue Heimat, COOP, individuelle Bereicherung von Gewerkschaftsführern etc. macht die DGB-Gewerkschaften im Bewusstsein ihrer Mitglieder und der übrigen Bevölkerung als gesellschaftliche Alternative immer unglaubwürdiger. Aber die Alternative zum DGB wäre eine atomisierte Masse von Einzelwesen, die individuell mit den Arbeitgebern kämpfen müsste und dabei nur verlieren kann. Wir ermuntern unsere Mitglieder, den Schritt zu einer Organisierung in ihrer zuständigen DGB-Gewerkschaft zu tun und sich möglichst aktiv darin betätigen. Dies mit dem Ziel, auch im DGB für die klassischen gewerkschaftlichen Ziele einzutreten: die Demokratisierung der Wirtschaft, Humanisierung der Arbeitswelt, Sicherung der sozialen Systeme und des Wertes der Ware Arbeitskraft, Ausweitung der Mitbestimmung und für eine stärker konflikt-orientierte Gewerkschaftspolitik. Wir unterstützen alle Bestrebungen, die Mitgliedsrechte auszuweiten, den Einfluss der Basisgliederungen zu stärken und in den Gewerkschaften eine Kultur des Streites, der Selbstverwaltung und der Gleichberechtigung der Geschlechter, der Nationalitäten und der Generationen zu erreichen.

3.3. Die Kirchen von heute sind nicht mehr die Kirchen der Weimarer Republik. In der katholischen Kirche ist es den herrschenden Konservativen nicht gelungen, alle Veränderungen im Gefolge des Zweiten Vaticanums zurückzuschrauben, und die Theologie der Befreiung ist immer noch eine wichtige Kraft. Millionen von Basis - ChristInnen und Zehntausende von Priestern und Nonnen stehen an der Seite der Armen, der gesellschaftlich Ausgegrenzten und Vergessenen. Auch in Deutschland ermutigen uns das Beispiel und das Zeugnis vieler katholischer Geschwister.

Die evangelische Kirche hatte 1945 die Veränderung von einer mehrheitlich monarchistisch-reaktionären Amtskirche zu einer den kapitalistischen Verhältnissen mehr entsprechenden demokratischen Volkskirche vollzogen. In ihr machten sich der Einfluss des linken Flügels der Bekennenden Kirche und die Langzeitwirkung des religiösen Sozialismus (Stichwort: Darmstädter Wort 1947) im Sinne einer wichtigen Minderheitsströmung bemerkbar. Im Gefolge der 68er-Bewegung bekam diese Minderheit breite Unterstützung. Die Politisierung breiter Teile der Gemeinden durch die Kirchentage, die Friedensbewegung, die Frauenbewegung und die ökumenische und 3/4-Weltbewegung hat es erreicht, dass vielerorts die evangelische Kirche in Verlautbarungen und gesellschaftlichem Zeugnis links von der gesellschaftlichen Mehrheit steht. Demgegenüber ist die Aufnahme sozialer und wirtschaftlicher Fragestellungen als Ursache gesellschaftlicher Probleme kaum geleistet worden.

Den biblischen Auftrag der Kirche als Gemeinde der Jesus Nachfolgenden, wie er uns z.B. in der Bergpredigt (Mt 5-7) entgegentritt, vergleichen wir mit dem Erscheinungsbild der Kirche in der spät-kapitalistischen Gesellschaft. Wir möchten zu ihrer weiter notwendigen Erneuerung und Umkehr beitragen. Noch immer stehen viele ChristInnen gesellschaftlichen Systemen und Parteien nahe, die unter Berufung auf vorgeblich christliche Werte soziale und ethnische Ungleichheit oder sogar politische Unterdrückung befürworten: noch immer finden sich ChristInnen, die unter Hinweis auf äußere Feinde (früher der Weltkommunismus, heute der Islam, morgen??) eine Politik der militärischen Stärke, der wirtschaftlichen und politischen Abschottung in der "Festung Europa", der Rassendiskriminierung und der Privilegiensicherung betreiben.
Wir sehe u.a. unsere Aufgabe darin, in den Kirchen die Interessen der Unterprivilegierten bei uns und in der Welt zur Sprache zu bringen, die Ursachen von Armut, Verelendung und ökologischer Krise zu benennen und für die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft zu arbeiten. Wir solidarisieren uns mit allen Bestrebungen in den Kirchen, die bisherige Rolle der Kirche im Kapitalismus zu überdenken und diese von einer Volkskirche zu einer Kirche des Volkes weiterzuentwickeln.

Wir orientieren uns am Priestertum aller Gläubigen und wenden uns gegen eine Pastorenkirche. Auch in den Kirchen sind die Rechte der Basis, d.h. der Gemeinden, zu stärken. Tendenzen zu einer Behördenkirche müssen beseitigt werden.

4. Konkretionen:

Die folgenden Ausführungen sind auf unsere augenblickliche Situation bezogen und bedürfen der regelmäßigen Fortschreibung.

4.1. Basisarbeit

Vordringlich ist eine Erweiterung und Festigung unserer Basis, insbesondere durch folgende Aktivitäten

- Aufbau von lokalen und regionalen Basisgruppen
- Arbeit in thematischen Projektgruppen
- Kooperation mit anderen Gruppen und Mitarbeit in Netzwerken wie z.B. der "Initiative Katholikentag von Unten"
- Informationsarbeit durch Tagungen
- Beteiligung an Kirchentag und Katholikentag
- Herausgabe einer Zeitschrift und von Info-Material
- Vertiefung und Präzisierung des Selbstverständnisses und der Zielsetzungen religiöser SozialistInnen

4.2. Christliche Verkündigung

In Einzelveranstaltungen, Tagungen und ggf. Freizeiten suchen wir nach Erneuerung im Glauben. Dabei sollen Umkehr und persönlicher Glaube immer in ihre politische Tragweite und Auswirkung eingebunden bleiben. Individuelle Hoffnung und gesellschaftliche Wirksamkeit auf das Reich Gottes hin bilden eine Einheit.

4.3. Individuelle Praxis

Für unsere Arbeit erachten wir als entscheidend, dass die Erfahrungen der einzelnen im Beruf, in der Ausbildung und in der kirchlichen wie gesellschaftlichen Praxis in die Gruppe und den Gesamtbund eingebracht werden. Je nach Gruppentypus kann dies unterschiedlich geschehen:

a.) In einer BRSD-Gruppe, die sich mehr als Reflektionsgruppe versteht, wird ein Beitrag zur Rückkoppelung von Theorie und Praxis geleistet. Zweitens erhält jedeR Mitarbeiter/in Ermutigung und Unterstützung in ihrem/seinem Engagement. Drittens wird das so über die christliche Verkündigung Gesagte konkretisiert. Bei den regelmäßigen Treffen einer derart strukturierten BRSD-Gruppe gehören daher Erfahrungsaustausch, Analyse von Erfahrungen und Zuspruch für die nächsten Schritte eines/einer Jeden in seiner Praxis zu den permanenten Themen.

b.) In einer thematisch ausgerichteten BRSD-Gruppe wird durch Bildungsarbeit, Diskussion und Reflexion versucht, die gesellschaftliche Wirklichkeit von der religiös-sozialistischen Sichtweise her zu betrachten und zu verstehen. Die Erfahrungen der Mitglieder werden hier gebündelt und bilden die Grundlage politischer und theologischer Stellungnahmen. Die konkrete politische Praxis kann nur von den Einzelnen im konkreten Arbeitsfeld geleistet werden, die Gruppe leistet hierzu nach Möglichkeit Hilfestellung.

c.) In einer BRSD - Basisgruppe in einer Kleinstadt, einer Hochschule oder ähnlich überschaubaren Bereichen gibt es auch einen Gruppentyp, der auch als Gruppe eine kontinuierliche praktisch-politische Arbeit ermöglicht. Das betrifft z.B. die Hochschulpolitik etwa an einer Fakultät oder die konkrete Kommunalpolitik über einzelne Aktionen hinaus.

Wichtig sind bei allen verschiedenen Typen der Austausch und die lebendige Wechselbeziehung von Theorie und Praxis. Richtschnur ist für uns der Dreischnitt der Befreiungstheologie: Sehen - urteilen - handeln.

4.4. Stellungnahmen

Im Rahmen unserer Möglichkeiten nehmen wir zu politischen und theologischen Fragen Stellung. Insbesondere sehen wir dort unsere Aufgabe, wo die politischen Parteien und die Großorganisationen teils aus Überzeugung, teils aus Angst vor dem Verlust von Wahlstimmen oder Austritten von Mitgliedern sich nicht oder nicht klar genug gegen menschenunwürdige Handlungen und Verhältnisse aussprechen. Wir erheben unsere Stimme dort, wo wir die Überzeugungen und die Werte der Humanität, des Sozialismus und der Bibel beider Testamente verletzt sehen. Gegen die herrschende Meinung, die immer noch weitgehend die Meinung der Herrschenden ist, versuchen wir einen kleinen Beitrag zur Aufklärung zu leisten. (Beispiele: Golf-Krieg, Bürgerkrieg in Jugoslawien, Bundeswehreinsatz in Somalia, Abschaffung des Asylrechtes, Wirtschaftspolitik und Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Wohnungsnot). In Kirche und Gesellschaft unterstützen wir Stellungnahmen und Initiativen, die in unsere Richtung gehen und machen gleichzeitig unsere weitergehenden Positionen deutlich.

Nachbemerkung:

Dieser Text ist das Resultat einer sich über fast 2 Jahre erstreckenden Diskussion. Grundlage dieser Diskussionen war ein Entwurf der Berliner Gruppe, der erstmalig auf der BRSD-Frühjahrstagung 1994 diskutiert werden konnte. Zu einigen Abschnitten lag ein Änderungspapier von Matthias Nauerth/ Hamburg-Nordelbien vor, das mitberaten wurde. Für die Theologie-AG hatte Wolfgang Lünenbürger /Hamburg Ergänzungen und Kriterien vorgelegt. Änderungen aus der Regionalgruppe Frankfurt fanden ebenfalls Aufnahme in den Text. Die Diskussionen dieser Tagung und der anschließenden Herbsttagung sind danach eingearbeitet worden. Auf der Frühjahrstagung 1996 wurden diese „Vorläufigen Leitsätze“ verabschiedet.