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Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands e.V.

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Judentum und Christentum (1922)

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1921 gab der Schweizer religiöse Sozialist Leonhard Ragaz seine Professur für Systematische Theologie in Zürich auf, um sich verstärkt der religiös-sozialistischen und pazifistischen Bewegung zu widmen. Im Jahr darauf veröffentlichte er das Buch "Christentum und Judentum". Der folgende Auszug daraus wurde 1923 in der Zeitschrift "Der Jude" nachgedruckt. Ragaz formuliert darin seine Sorge, dass die Bildung eines zionistischen Staates ein allgemeineres Verständnis von Zion gefährden könnte. Fünfzehn Jahre später wurde das Buch im Deutschen Reich von den Nazis verboten.

Ich kann dem Zionismus, soweit ich ihn kenne und verstehe, nur bedingungsweise zustimmen*. Gewiß mag ich dem jüdischen Volk einen geographischen Mittelpunkt gönnen. Ich bin froh, daß ihm dieser nun verschafft worden ist. Es mag ihm gut tun, mag ihm zu einer Art Beruhigung dienen, gleichsam an einer Stelle und dazu an einer so geweihten, als Volk den Fuß fest auf den Boden dieser Erde stellen zu dürfen. Aber ich meine, das könne bloß den Sinn haben, daß es dem Judentum vermehrte Gelegenheit zur Besinnung auf seine letzte Bestimmung, sagen wir: auf den wahren Sinn Zions gibt. Sonst müßte ich für meine Person die Bewegung für eine Abirrung vom eigentlichen, gottgewollten Weg Israels halten, für eine Abirrung auch von Zion! Denn was bedeutet Zion im Sinne der Propheten? Sagen wir es noch einmal: Es bedeutet nicht Jerusalem und nicht den Tempel von Menschenland gebaut, sondern es bedeutet die Einigung der Menschheit durch Gottes Willen und Ordnung. Dieses Zion liegt nicht in einem bestimmten Land, es ist ein geistiger Ort, es liegt über den Völkern   Es hat nicht einen nationalen Sinn, sondern bedeutet im Gegenteil die Überwindung aller nationalen Begrenztheiten durch den Gedanken der Einheit der Menschheit in Gott. Diese Wahrheit zu vertreten, ist Israels Berufung. Es muß das Märtyrertum dieser Berufung auf sich nehmen. Dazu gehört wohl gerade, um dies noch einmal zu sagen, daß es nicht nur keinen eigenen Staat, sondern auch keinen besonderen Heimatboden im üblichen Sinne hat. Es gehört mitten unter die Völker hinein. Dort soll es das vertreten, was größer ist als alles Volkstum: die Menschheit, oder mit höherem Wort gesagt: die Gottesherrschaft über alle Welt. Das Judentum ist seinem tiefsten Wesen nach kein Volk im gewöhnlichen Sinn, keine Nation, es ist eine Gemeinde, die Gemeinde des lebendigen Gottes, die den Keim bilden soll zu der einstigen großen Gemeinschaft aller Völker in dem lebendigen Gott und seinem Christus. Das Judentum fiele nach meiner Überzeugung von seinem tiefsten Sinn und seiner höchsten Berufung ab, wenn es eine andere Aufgabe suchte.

Dieser Abfall – ich darf das vielleicht sagen – ist wohl in der Geschichte Israels dann und wann geschehen, wie er analoger Weise in der Geschichte des Christentums seine tragische Rolle spielt. Er ist da geschehen, wo Israel das, was ihm Gott für alle Völker gegeben, bloß für sich selbst nutzen, es zu seiner eigenen Erhöhung verwerten wollte, um sich im Stolz des auserwählten Volkes von den andern abzuschließen. Es ist das auserwählte Volk, aber nur in dem Sinne, daß es eine Mission für andere hat und daß diese Mission, wie jede dieser Art, besonders schwer ist und das gewaltigste Opfer fordert. Sobald es aber diese Mission selbstisch wenden, sie zu einer Art Nationalismus umgestalten wollte, verfiele es dem Fluch alles Egoismus, wie ihn jenes Wort ausdrückt; das aus dem Munde Jesu stammt: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren.“ Gegen diese Art reagiert der Antisemitismus aller Zeiten nicht ohne ein gewisses Recht, wenn auch in falscher Weise. Diese Art wird immer Israel selbst, wie der Welt, zum Verhängnis. Es ist Abfall von Gott zur Welt. Niemand hat gewaltiger dagegen gekämpft als Israels große Propheten, und es ist meine Überzeugung, daß gerade auch darin Jesus ihr Erfüller und Israels tiefster Sinn, Israels Erlösung ist, und das Kreuz das wahre Sinnbild Zions. Denn Israels Berufung ist, sich für die Völker zu opfern, den Weg zu gehen, den jene Kapitel 52 und 53 des Jesajabuches zeigen. Dieses Zion soll es aufrichten auf Erden. Größe wird ihm dann nicht fehlen, aber es wird göttliche Größe, nicht Weltgröße sein; Herrschaft wird es damit erlangen, aber die Herrschaft Gottes, nicht eine Weltherrschaft.

Und das ist nun eben in meinen Augen der tiefste Sinn der Judenfrage. Das Judentum lebt unter den Völkern und hat sein Recht als Träger einer gewaltigen Wahrheit, der Israelswahrheit vom kommenden Reich Gottes. Als Träger dieser Wahrheit soll es von uns betrachtet und geehrt werden. Das ist für uns andere die vorläufige Lösung der Judenfrage. Keine andere wird wirklich gelingen und es soll auch keine andere gelingen, bis die noch größere kommt, die wir gezeigt haben. Es ist die Lösung auch für das Judentum. Hier liegt seine Aufgabe. In ihr ausharrend, in ihr duldend, in sie sich vertiefend muß es sein Geschick erfüllen. Sein Leiden ist der Schlüssel zu tiefstem Erkennen, sein Dulden der Weg zur Höhe.

Eins möchte ich ihm und möchte ich jedem Vertreter des Judentums besonders wünschen: einen rechten Stolz darauf, ein Jude zu sein, ein rechtes Ruhen darin. Denn das jüdische Volk, ich sage es noch einmal, ist das Mittelpunktsvolk der Geschichte, weitaus das größte der Völker. Daß dieser Stolz nicht Hochmut, dieses Ruhen nicht Starrheit sein darf, brauche ich nicht besonders zu sagen. Gerade dieser rechte Stolz, dieses Ruhen in sich selbst, wird ihm vielleicht die Freiheit geben, Sinn und Wesen des Judentums neu zu prüfen und auch dem Sinn und Wesen des Christentums seine Seele zu erschließen. Das ist nach meiner Auffassung die Tragik und die Verheißung, die in der sogenannten Judenfrage liegen. Die Frage besteht darin, daß dieses Volk unter uns in Leiden und Verkanntwerden, vielleicht auch manchmal in eigener Verkennung des Größten, was ihm gegeben ist, das Geheimnis Gottes für die Völkerwelt hütet; die Lösung darin daß, vielleicht wieder unter allerschwersten Kämpfen, dieses Geheimnis hervortritt als die Gottesherrschaft im Leben der Völker.

* Die folgenden Äußerungen über den Zionismus sind als eine Ablehnung dieser Bewegung oder doch als eine eher unfreundliche Stellung zu ihr verstanden worden. Das ist aber durchaus ein Mißverständnis, wie schon mein Verhältnis zu Buber und Landauer beweist. Ich wünsche sehr entschieden, daß dem Judentum die Heimstätte in Palästina endgültig werde, aber ich wünsche ihm noch viel Größeres, das es doch nicht aus dem Auge verlieren darf. Sollte meine Warnung, die ihren Wert, wie manches in diesem Vortrag Gesagte, darin haben mag, daß sie von außen kommt, unnötig sein, so freue ich mich darob.

(Auszug aus: Leonhard Ragaz, Judentum und Christentum (1922), dieser Auszug entspricht dem Abdruck in Der Jude, Jg. 1923, Heft 7-8, Seite 469f.)