Die affektgeladene Ablehnung von Marxismus und Psychoanalyse, der ich sehr oft begegnet bin, ist der Versuch sozialer Gruppen und einzelner Persönlichkeiten, der Enthüllung zu entgehen, die unter Umständen Vernichtung für sie bedeutet. Aber ohne solche Enthüllung ist der letzte Sinn der christlichen Verkündigung nicht vernehmbar. Darum sollte gerade der Theologe diese Wege zur Sichtbarmachung menschlicher Existenz so ernsthaft wie möglich benutzen, anstatt einem harmonisierenden Idealismus das Wort zu reden. Er kann sie von der Grenze her benutzen; er kann - und das ist für mich selbst gesagt - die veraltete Begriffsbildung der Psychoanalyse kritisieren; er kann die utopischen und dogmatischen Elemente des Marxismus ablehnen; er kann die wissenschaftliche Unhaltbarkeit vieler Einzeltheorien in Psychoanalyse und Marxismus betonen. Er kann und muß sich gegen metaphysischen und ethischen Materialismus wehren, ganz gleich, ob er aus Freud und Marx herausgelesen werden kann oder nicht. Aber er darf sich nicht der enthüllenden ideologiezerstörenden Kraft berauben, die in beiden gegeben ist.
Aber im Marxismus ist nicht nur Enthüllung, sondern auch Forderung und Erwartung, und zwar in Ideen von gewaltiger geschichtlicher Stoßkraft. In ihm ist prophetisches Pathos, während der Idealismus, sofern er durch das Prinzip der Identität bestimmt ist, mystische und sakramentale Wurzeln hat.
(Aus: Auf der Grenze)




