
Hier ist nun ein Punkt von zentraler und entscheidender Bedeutung. Es heißt: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter Menschen des Wohlgefallens.« Der Zusammenhang des Sinnes dieser Worte ist ganz offenbar der: »Aus der Ehre Gottes entsteht unter den Menschen, die Gott die Ehre geben, mit Notwendigkeit der Friede auf Erden. Die Ehre Gottes steigt mit Christus auf die Erde herunter und wird Friede unter den Menschen.« Damit ist der tiefste und höchste Grund des Friedens, das Wesen des Friedens und das Recht des Friedens, in wunderbarer Klarheit und Einfachheit und in wunderbarer Herrlichkeit offenbart: Der Friede ist eine Sache der Ehre Gottes. Das ist negativ und positiv be-trachtet die Wahrheit.
Negativ: Kann es etwas geben, was stärker der Ehre Gottes widerspricht, als der Krieg und alles, was mit dem Krieg zusammenhängt? Der Krieg ist die große Zerstörung und Schändung der Schöpfung Gottes. Er ist vor allem die Zerstörung und Schändung dessen, was die Krone der Schöpfung darstellt, des göttlichen Ebenbildes im Menschen. Er ist die Zerstörung und Schändung des Zentralheilig-tums Gottes, gerade auch nach der Bibel, des Lebens. [...] Darum hebt das Reich Gottes, das sich im Reiche Christi vollendet, den Krieg auf. Darum ist Gott, ist Christus, der Friede.
Damit sind wir zu der positiven Seite der Wahrheit gelangt. Die Ehre Gottes schafft den Frieden. Wer Gott die Ehre gibt, der gibt auch seiner Schöpfung die Ehre. Der gibt Gottes heiligem Recht die Ehre. Dieses heilige Recht erblickt er über all seiner Schöpfung. Sie darf nicht angetastet, darf nicht verstört und zerstört werden durch Selbstsucht und Gewalt des Menschen ... Das Gebot »Du sollst nicht töten« steht, ob ihm gehorcht werde oder nicht, im Zentrum der Gebote Gottes.
(Leonhard Ragaz, »Friede auf Erden«, 1943)




