BRSD

Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands e.V.

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Was wollen die Religiösen Sozialisten? (1928)

Drucken PDF
Der Mannheimer Pfarrer Erwin Eckert war bis 1931 erster Vorsitzender des BRSD. Eckerts linkssozialistischen Position und seine scharfe, kompromisslose Kritik an der "bürgerlichen" Kirche waren im Bund nicht unumstritten. Eckert formulierte 1928 die Mehrheitsposition des Bundes in dem folgenden Text "Was wollen die religiösen Sozialisten?". Diese Position wurde im wesentlichen vom 4. Bundeskongress des BRSD (1.-5. August 1928) bekräftigt. Die hier wiedergegebene Fassung stammt vom Oktober 1928 und stellt gewissermaßen die programmatische Übereinstimmung des Bundes in der Zeit der Weimarer Republik dar. Es gibt seit dem Zusammenbruch 1918 überall in Deutschland religiöse Sozialisten. Ganz unabhängig sind sie zur selben Zeit, fast mit denselben Worten und Methoden in die Öffentlichkeit getreten. Das ist ein Zeichen dafür, dass die religiös-sozialistische Bewegung nichts künstlich Gemachtes ist, sondern eine notwendige Bewegung, die sich durchsetzen konnte, als die alten Gewalten zusammenbrachen.

In steigendem Maße hat sich die öffentliche Meinung mit den religiösen Sozialisten beschäftigt, und der Kreis der religiösen Sozialisten, der seit 1926 in einem »Bund der religiösen Sozialisten« vereinigt ist, hat sich ständig vergrößert. Aber auch die Gegnerschaft der jungen Bewegung ist gewachsen und sucht unsere Arbeit und unseren Kampf zu hindern. Weithin herrscht Unklarheit und Voreingenommenheit gegen den Bund und seine Ziele. Es ist darum notwendig, in Kürze zu sagen, wer die religiösen Sozialisten sind und was sie wollen.

Wir sind Sozialisten

Wir wollen wie alle Sozialisten die kapitalistische Herrschaft stürzen und die sozialistische Ordnung errichten, weil wir von ihr eine höhere Art menschlichen Lebens erhoffen.

Die sozialistische Ordnung hebt das Privateigentum an den Produktionsmitteln auf und damit die Ungerechtigkeit des Besitzes. Sie erlöst die Masse von der wirtschaftlichen Herrschaft Einzelner durch die Aufhebung der Lohnknechtschaft. Sie macht die Proletarier zu freien Menschen. Sie erlöst die Besitzenden von der Last des Besitzes und der Logik der Ausbeutung. Sie macht Arbeit zu einem alle verpflichtenden Dienst des Einzelnen für die Gesamtheit. Sie entzieht dem Schmarotzertum, dem Betrug, allem sich Bereichern, allem Mammonsdienst die Unterlage und Möglichkeit. Sie lässt den Ertrag der Arbeit aller allen zugute kommen. Die sozialistische Ordnung erneut die menschliche Gesellschaft. Sie schafft ein neues Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtheit, ein Recht, das der Gerechtigkeit näher ist. Sie überwindet die Klassen und Schichten in den einzelnen Völkern. Sie vereinigt die verschiedenen Völker und Rassen zu friedlichem Dienst an der kommenden Gemeinschaft. Sie schenkt durch straffste Rationalisierung der Produktion und des Konsums dem Einzelnen Zeit, sich selbst zu finden und zu bilden. Sie gibt der Gesamtheit genügend Mittel zur besten Ausbildung und Ertüchtigung aller Kinder und Heranwachsenden. Sie sorgt für die Veteranen und Invaliden der Arbeit, für die Kranken und Krüppel. Die sozialistische Ordnung erzwingt eine neue Kultur. Wissenschaft und Kunst, Sittlichkeit und Religion werden – aus den Fesseln kapitalistischer und egoistischer Interessen befreit – der Gemeinschaft freier, brüderlicher Menschen dienen und ihrem Leben den tiefsten Inhalt geben.

Für den Klassenkampf

Wir wissen, dass diese neue Ordnung nicht von selbst kommt, dass sie erzwungen werden muss im Kampf gegen die Nutznießer der bestehenden Ordnung und ihren Anhang. Die unter der gegenwärtigen Ordnung leidenden Massen und alle diejenigen Menschen, die die Unzulänglichkeit der bestehenden Ordnung erkannt haben, obwohl sie selbst nicht unter ihr zu leiden haben, müssen zusammenstehen, um die sozialistische Ordnung zu erkämpfen gegen die Schichten, die besitzen, was ihnen nicht gehört, die herrschen statt zu dienen, die von einer Gemeinschaft nichts wissen wollen. Dieser erbitterte geistige, wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Kampf zwischen beiden Gruppen in allen Völkern, die eine kapitalistische Wirtschaftsordnung kennen, ist der Klassenkampf, den die religiösen Sozialisten in allen Abschnitten und Auswirkungen restlos mitkämpfen in bewusster Verantwortung vor Gott.

Für die Religion

Wir sind religiöse Sozialisten, weil uns der Kampf um den Sozialismus ein heiliger Kampf ist, zu dem Gott uns zwingt.

Wir sind religiöse Sozialisten, weil nach unserer Ansicht die sozialistische Ordnung nicht nur durch den Kampf um die politische Macht im Staate und die Durchführung der Gemeinwirtschaft kommen und bestehen wird, sondern auch seelisch, innerlich, vorbereitet sein muss in den Herzen der Menschen. Egoistische, gewalttätige, lieblose, unverantwortliche Menschen, die sich nicht in den Dienst eines Höheren und Ewigen gestellt wissen, die sich nicht von innen her zum Dienst an den Mitmenschen gezwungen sehen, werden die sozialistische Gemeinschaft nie bauen können. Die Disziplinierung und Erziehung der Massen, wie sie der politische und wirtschaftliche Kampf mit sich bringt und die Kulturbewegung der Arbeiterschaft, kann diese inneren Voraussetzungen der sozialistischen Gemeinschaft nicht schaffen. Gerade weil wir Sozialisten sind, müssen wir religiöse Menschen sein, müssen wir Christen sein.

Für das Christentum

Wir sind überzeugt, dass in keiner Sittenlehre und in keiner Religion mehr Kraft liegt für die innere Vorbereitung und Ertüchtigung des kämpfenden Sozialisten als im rechtverstandenen Evangelium Jesu Christi und in der prophetischen Offenbarung des Alten Testaments. Wir sind religiöse Sozialisten, weil unsere Hoffnung auf die neue Ordnung unter den Menschen ihre Kraft aus dem Glauben nimmt, dass es eine Vorwärtsentwicklung gibt nach dem Reiche Gottes zu, dem Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, der Freude im heiligen Geist, hier auf dieser Erde. Wir sind weit entfernt davon, die sozialistische Ordnung mit dem Reich Gottes zu verwechseln, wir sehen aber in ihr einen notwendigen Schritt in der Richtung auf das Reich Gottes hin.

Gegen die Kirche

Wir kämpfen gegen das offizielle Christentum, das »Kirchentum«, weil es die Aufgaben der Gegenwart und Zukunft nicht sieht, das Reich Gottes nicht baut, das Evangelium unter Menschenwerk und Theologiegezänk verschüttet hat.

Die Kirchen sind an Händen und Füßen gebunden, direkt oder indirekt abhängig von den Mächtigen der Welt. Sie dulden den widerchristlichen Kapitalismus, der zu Imperialismus und Nationalismus führt, ohne dagegen ernsthaft Front zu machen, ja, sie stellen sich durch Angriffe auf die proletarischen Kampforganisationen und durch Inschutznahme des Besitzes in den Dienst der reaktionären Bourgeoisie und deren Helfershelfer. Sie wollen die revolutionären Kräfte niederhalten.

Sie sind selbst mehr politische und wirtschaftskapitalistische Organisationen als Gemeinschaften frommer Menschen. Sie nehmen genau denselben Zins von ihren ausgeliehenen Kapitalien wie die andern, sie bauen zur »Ehre Gottes« prachtvolle Kirchen, die leer stehen und reden über die Wohnungsnot des Proletariats. Sie vertrösten die Armen auf das Jenseits und machen den Reichen ein gutes Gewissen. Sie lehren »Gott ist Gott« und schützen den Mammonsdienst in Banken und Palästen. Sie lehren »du sollst den Namen Gottes heiligen« und sie sehen zu, wie im Namen Gottes die Schwachen ausgebeutet und von den Heerführern Kriege geführt werden. Sie lehren, »du sollst den Sonntag heiligen« und wissen zugleich, dass ungezählte Hunderttausende am Sonntag arbeiten müssen.

Sie lehren »du sollst Vater und Mutter ehren« und sehen nicht, dass die kapitalistische Ordnung die Familie rettungslos zerstört.

Sie lehren »du sollst nicht töten« und segnen durch ihre Divisionspriester und Pfarrer die Waffen, mit denen sich die Völker gegenseitig ermorden.

Sie lehren »du sollst nicht ehebrechen« und segnen die Gesellschafts‑ und Amüsementsehen ein.

Sie lehren »du sollst nicht stehlen«, aber sie kämpfen nicht gegen den Kapitalismus, der sich auf offenen und geheimen Diebstahl aufbaut.

Sie lehren »du sollst nicht lügen und betrügen« und schweigen zu dem Riesenbetrug, den der kapitalistische Staat, die Finanz und die Börse täglich an der Masse ausübt.

Sie lehren »sei nicht neidisch, sei zufrieden«, kämpfen aber nicht für die Voraussetzungen zu einem Leben, das für alle, die Menschenantlitz tragen, ein menschenwürdiges ist.

Das Salz des offiziellen Kirchentums ist dumm geworden, das Licht ist unter den Scheffel versteckt!

Wir religiösen Sozialisten rufen daher, als Sprecher der Masse des Proletariats, die Kirchen und ihre Führer zur Umkehr, zur Buße.

Eure »Wohltätigkeit« ist Geschäft – eure betriebsame »Liebestätigkeit« ist ein Pflästerchen neben der eiternden Wunde – eure Predigt ist Geschwätz – euer Trost hat keine Kraft – euer Segen ist verfault – und (ihr) wisst es nicht!

In den Kirchen

Der Bußruf gegen die Kirchen und ihre Betätigung allein tut es nicht. Die in den Kirchen Mächtigen spotten über uns »Idealisten und Illusionisten«, über uns »Schwärmer und Utopisten«. Darum müssen wir uns maßgebenden Einfluss in den Kirchen erzwingen, um sie von Grund auf zu erneuern aus dem Geiste Jesu Christi.

Wir bleiben in den Kirchen, um den praktischen Nachweis zu liefern, dass man zugleich ein gläubiger Christ und ein klassenbewusster Sozialist und Kommunist sein kann. Wir bleiben in den Kirchen, weil in ihnen trotz allem der heilige Geist vielen Trost und Kraft, Hilfe und Zuversicht für Leben und Sterben geschenkt hat und schenken wird: weil wir der Ansicht sind, dass nicht die Priester und Pfarrer, nicht der Papst und die Kirchenregierungen die Kirche ausmachen, sondern das Volk, die Masse der Sehnsüchtigen und Verlangenden, der Mühseligen und Beladenen, die durch den Kampf des Proletariats von der äußeren Not bereit, Lebenserfüllung und Lebenskraft in der Gemeinschaft der neuen Kirche finden sollen.

Die aus inneren Gründen aus der Kirche ausgetretenen Sozialisten sind in unseren Reihen willkommen. Allen nach der letzten Wahrheit, nach Erlösung und Ewigkeit suchenden Menschen steht der Bund der religiösen Sozialisten offen.

Was verlangen wir von den Kirchen?

  1. Sie sollen die restlose Trennung der Kirchen vom Staat durchführen.
  2. Sie sollen die kapitalistische Wirtschaftsordnung anklagen und an ihrem Sturz  mitkämpfen.
  3. Sie sollen für den Völkerfrieden und die Völkerversöhnung predigen und dazu auffordern in allen Ländern, dass von einem Christen kein Militäretat genehmigt, keine Waffe hergestellt und kein Kriegsdienst geleistet werden darf.
  4. Sie sollen ihren Einfluss benutzen dafür, dass die öffentliche Fürsorge für die Armen und Schwachen, die Opfer des Mammonsdienstes, ausgebaut werde.
  5. Sie sollen die Bedürfnisse der kirchlichen Verwaltung vermindern, die Kirchensteuern gerechter gestalten und herabsetzen.
  6. Sie sollen die kirchlichen Sitten und den Aufbau des Gottesdienstes umgestalten, dass sie den heutigen Menschen unmittelbare Frömmigkeit übermitteln.
  7. Sie sollen den Religionsunterricht verselbständigen, ihn methodisch ändern, seinen Besuch freiwillig gestalten und ihn von freiwilligen Kräften erteilen lassen. Er soll vor allem aus der kapitalistischen Staatsschule losgelöst werden.

Eine neue Partei?

Wir denken nicht daran, eine neue politische Partei ins Leben zurufen. Wir sind, wenn wir politisch oder gewerkschaftlich organisiert sind, in den bestehenden proletarischen Parteien, der sozialdemokratischen oder kommunistischen Partei und in den freien Gewerkschaften oder Angestelltenverbänden. Zur Durchführung unserer besonderen Aufgabe haben wir ein sinngemäß gegliedertes Zweckverbandssystem.

Protestanten und Katholiken?

Die konfessionelle Spaltung in die katholische und evangelisch‑protestantische Kirche ist geschichtlich bedingt. Sie wird nach der Ansicht der religiösen Sozialisten in der sozialistischen Zeit überwunden werden. Die Übereinstimmung der protestantischen und katholischen Sozialisten in ihrem gemeinsamen Kampf um die Befreiung des Christentums wird die Vorbedingungen schaffen für die Überwindung der Konfessionen in einer einheitlich christlichgläubigen und sozialistisch kämpfenden Gemeinschaft, für die Kirche der Zukunft.

Wir sind Revolutionäre

Die religiösen Sozialisten sind sich wohl bewusst, dass ihr Kampf einen Umsturz des religiös-kirchlichen Lebens bedeutet. Sie wollen diesen Umsturz.

Als Jesus Christus sagte: »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon!« und »Ich bin gekommen, dass ich ein Feuer anzünde auf Erden, was wollte ich lieber, als es brennte schon« und »Selig seid ihr Armen« und »Wehe euch Reichen, die ihr voll seid«, und »Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden«, da wollte er, dass seine Nachfolger Revolutionäre seien solange, bis Gerechtigkeit sei auf Erden, Reichtum und Armut versunken seien in einer neuen Ordnung menschlicher Gemeinschaft!

Die religiösen Sozialisten suchen nicht das Ihre. Sie kämpfen nicht um aufzulösen, sondern um zu erfüllen. Das Symbol, unter dem sie ihren besonderen Kampf kämpfen, ist die rote Fahne der proletarischen Revolution mit dem schwarzen Kreuze Jesu Christi.

 

Termine

Auf Facebook verbreiten