BRSD

Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands e.V.

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Weihnachten in Anadolu

Drucken PDF
„Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott das Gotteskind aus: geboren aus einer Frau  und geboren unter die gesetzte Ordnung. Die unter der Gesetzesordnung leben, sollte es freikaufen, damit wir als Kinder adoptiert würden. Weil ihr aber Kinder seid, hat Gott die Geistkraft des Gotteskindes in unsere Herzen ausgesandt, die mit lauter Stimme ruft: Abba! Vater! Du bist also nicht mehr versklavt, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch erbberechtigt durch Gott." (Gal. 4, 4-7, Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)

„Es war einmal ein Mann, der war/ zu seinem Kummer unsichtbar, doch war das so nicht immer./ Er war's geworden mit der Zeit, doch nicht durch Zauber oder Eid,/ die Sache stand viel schlimmer.
Vor vielen Jahren war er doch/ verhältnismäßig sichtbar noch! Wodurch sein Bild sich trübte,/ das war, daß niemand auf der Welt sich je zu ihm als Freund gesellt,/ der ihn von Herzen liebte." (Michael Ende, Schnurpsenlieder)

Unsichtbar, unerkannt, vergessen, ungeliebt. Das ist der Kummer, auf den die Weihnachts­botschaft eingeht, das Wort des Paulus im Brief an die Galater. (Gal 4, 4-7)

Die Galater - wer sind sie? Wer waren sie? Das antike Galatien ist das heutige Anatolien in der Türkei. Unbekanntes, vergessenes Land, aus dem Gastarbeiter gekommen sind. Die von ihnen, die in unserem Land schon lange leben, haben in das Bürgerrecht bekommen. Im Osten liegt der Ararat, auf dem als höchstem bekannten Berg die Arche Noah festgemacht haben soll, im Süden Qatal Hüyük, Ausgrabungsstätte einer der ältesten Städte der Erde aus dem 7. Jahr­tausend vor Christus. Ferne Gebirgsketten umziehen das flache Ackerland. Steppen, Zieh­brunnen, prägen die Landschaft. Hirten wandern mit ihren Herden. Sie erzählen Märchen, in denen sich die Sehnsucht nach Erlösung spiegelt, z.B. so: Zu den Hirten am Gandhar Dag, einem der Berge, kommt aus der Feme der Sohn des Sultans. Der Hirtenfürst sagt zu ihm: Es würde sich wohl lohnen, die Reichtümer von Anadolu zu heben, zu pflegen, zu hüten. Fernes, unbekanntes, vergessenes Land Anadolu, das sich sehnt, erkannt, gehegt, geliebt zu werden. Im Märchen geschieht' s. Der Sohn des Sultans freit die Tochter des Hirtenfürsten. Unbekanntes Anadolu, Wohngebiet der Galater, die ursprünglich Kelten sind, ebenso wie die Gallier im heutigen Frankreich und die Bewohner von Irland und Wales. Selbst der Heidenapostel Paulus hatte einen Besuch eigentlich nicht geplant. Eine schwere Krankheit zwang ihn, ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Vor ihm, dem Kranken, haben sie nicht Abscheu oder Verachtung empfunden. Nein, wie einen Engel, ja wie Jesus Christus selbst haben sie ihn aufgenommen (4,14), Wie gastfreundlich diese Hirten und Bauern eines vergessenen Landes sind!

„Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn". Auch nach Anadolu. Und er gesellte sich als Freund zu dem Unbekannten, den noch nie jemand von Herzen geliebt hatte. „Nun seid ihr Gottes geliebte Söhne bzw. Kinder", schreibt Paulus an die Galater. Er hat die Sorge, sie könnten die Liebe Gottes zu ihnen wieder vergessen, könnten zurückfallen in alte Zeiten. Damals wähnten sie sich abhängig von elementaren Kräften, dem Gesetz der Planeten, Paulus erinnert sie: „Ihr wart Sklaven, nun seid ihr Erben Gottes, Freie."

 Ferne Zeit, unbekannte Galater, unbekannte Götter. Und doch braucht man ihr Weltbild nur mit dem des heutigen Menschen zu vergleichen, um eine Verwandtschaft zu entdecken. Man dachte sich damals die Erde umgeben von Hüllen wie Zwiebelschalen. Diese waren Machtbereiche, nach 7 Planeten benannt: Mond, Sonne, Saturn, Mars, Venus, Merkur, Jupiter.

Sie bestimmten Jahreszeiten, Werden und Vergehen. Mit Ritualen an Festen versuchte man ihre Macht zu bannen.

Auch heute noch schauen Menschen wie gebannt auf Horoskope. Sie suchen Glückszeichen, fürchten sich vor Unglückszeichen oder - daten. Neben der Welt des Aberglaubens regieren zwanghafte Vorstellungen.

  • Für den einen wird sein Körper zum Schicksal. Er sieht sich als hässlich oder krank oder behindert und sieht alles aus diesem Blickwinkel.
  • Die andere sieht die Welt aus der Perspektive der Ohnmacht. Die Mächtigen tun, was sie wollen. Die Stärkeren gewinnen doch. Man selbst bleibt im Dunkel.
  • Eine andere sieht sich umstellt von Schuld. Was habe ich falsch gemacht? Mein Leben gelingt nicht. Gibt es Vergebung? Und Neuanfang?
  • Ein anderer leidet unter Streit, Hass und bösen Worten. Wie ein Netz fesseln sie. Er zieht sich zurück, meidet Menschen.
  • Wieder eine andere fühlt sich minderbegabt. Als Dumme unter intelligenten Leuten, könne nicht mitreden. Sie wird ein Mauerblümchen.
  • Andere fragen verzweifelt nach dem Sinn ihres Lebens. Fühlen sich unfähig, sehen keinen Ausweg, bekommen Depressionen, Schwermut.

Solche Erfahrungen nennen wir nicht Mächte oder Götter wie die Menschen der Antike. Aber ähnlich sind sie. Erfahrungen von Welt und Mensch, Weltbilder prägen uns. Es gibt zwanghafte Vorstellungen, gleichsam selbstgebaute Käfige für Gedanken, die in Handlungen umgesetzt werden. Und dann werden Menschen wie Marionetten. Sie bewegen sich nach dem Zug von Fäden. Aber wer zieht die Fäden? - Paulus spricht von Sklaven. Das waren Menschen, die wie Vieh anderen Menschen gehörten. Gehorchen mussten Sie. Heute gibt es noch Schuldsklaverei in armen Ländern. Auch Kindersklaven. Aber noch viel mehr Zwänge und zwanghafte Vor­stellungen, die die Freiheit lähmen. Wenn Maler von heute ein Gesicht malen, gleicht es fast einer zerrissenen Landschaft. Das Gesamtbild ist gestört.

„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste (loskaufte)." Mitten in die von Mächten beherrschte Welt sendet Gott seinen Sohn. Als die Zeit erfüllt war, wurde es Weih­nachten: In der Krippe lag das Kind. Umgeben von den Tieren des Stalls, gepriesen von den Engeln, angebetet von den Hirten, ehrfürchtig geliebt von Maria und Josef. Erde und Himmel, Tier- und Menschenwelt sind versammelt um dieses Kind, das eine neue Weltzeit bringt. Die Fülle der Zeit teilt: in die Zeit vor und nach Christus, wird Mitte der Zeit. „Wär' Christus nur in Bethelehem geboren und nicht in dir, du bliebst in Ewigkeit verloren," dichtet Angelus Silesius. Das Kind, das Mittelpunkt der Schöpfung wird, wird auch Bewe­gungszentrum für den/die Einzelne(n). Paulus sagt deshalb: Christus lebt in mir (2,20). Und Christus sagt von sich: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben." (Joh. 14,6) Christus kauft die Marionette Mensch los.

Nun kann sie sich aus eigenem Impuls bewegen, befreit von zwingenden Fäden. Auch selbst Fäden loslassen, die sie festhielt: Aus Angst, das Leben zu verlieren, aus Sorge nicht mitzukommen, aus Furcht keine Anerkennung zu bekommen. Nun wird die Marionette lebendig, bekommt einen Ausdruck von Erfüllung und Sinn im Angesicht. Jede(r) kennt ein Land Anadolu in sich. Noch vergessen und unbekannt. Nun ist es gefunden; es ist der gekommen, der seine Reichtümer hegt, pflegt, zum Blühen bringt. „Wir sind in Christus", schreibt Paulus (6,15). Man kann übersetzten: In einer Liebesbeziehung. Die Erde ist nicht mehr umhüllt von feindlichen Mächten, sondern von der Liebe Christi. Mein Leben steht nicht mehr unter dem Diktat von Zwängen, die mich einengen. „Eine neue Kreatur bin ich", sagt Paulus (2.Kor. 5,17), d.h. befreit von Gott. Ich kann fröhlich Weihnachten feiern, jeden Sonntag als kleines Osterfest, befreit aus den Zwängen von Schuld und Todesangst.

Mittelalterliche Darstellungen zeigen Christus als Weltenschöpfer. Er hält 7 leuchtende Sterne, (vgl. auch Offb. 1,16) Planeten sind ihm untertan. Wer in Christus ist, ein Kind Gottes ist, lernt schöpferisch umzugehen mit den Kräften der Welt. Was früher bedrängte, wird Geschenk Gottes.

  • Den Körper, den ich mitbekommen habe, nehme ich als Organ, mit dem ich Zärtlichkeit empfange und gebe.
  • Ich habe nicht mehr Angst vor den Mächtigen, sondern erkenne meine Lebendigkeit und sehe meine Aufgaben.
  • Die Schuld kann sich wandeln in Zuverlässigkeit. Ich halte meine Versprechungen.
  • Die Angst vorm Versagen wandelt sich in Einsicht, auch ich kann etwas leisten. Vielleicht auch das noch nicht Anerkannte. Vielleicht ist es z.B. schwerer, eine Kranke zu pflegen als ein Haus zu bauen.
  • Der Schmerz, den Streit und Bosheit verursachen, wandelt sich in den Auftrag, Frieden und Sinn fürs Schöne zu verbreiten.
  • Die Meinung, ich sei dumm, weicht der Erkenntnis, dass ich in vielem anders denke und handle und dass das meine Begabung ist.
  • Die Frage nach dem Sinn ist beantwortet in der Erkenntnis zu Weihnachten, dass Christus für mich geboren wurde. Dass er seinen Geist mir gibt, damit ich Gottes Willen tue, im Sinne Gottes selbst auf dieser Erde wirke, Mitarbeiter/in im Weinberg des Herrn. Größere Freiheit, Sinnvolleres kann nicht zu finden sein.

Im vergessenen Land Anadolu wohnt seit Weihnachten ein freier Mensch, dem das Wohl dieses Landes am Herzen liegt, der es hegt und pflegt, dass es blüht und Früchte trägt. Der griechische Name Anadolu bedeutet Land des Sonnenaufgangs. Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn.  

„Dies ist die Nacht, da mir erschienen / des großen Gottes Freundlichkeit; / das Kind, dem alle Engel dienen, / bringt Licht in meine Dunkelheit, / und diese Welt und Himmelslicht / weicht hunderttausend Sonnen nicht." (Karl Friedrich Nachtenhöfer, 1684, EG 40)