Über einen guten Bekannten, Pädagoge und Kabarettist in Stuttgart, erhielten wir den folgenden Augenzeugenbericht von der Demonstration in Stuttgart am Donnerstag dem 30. September. Er spricht für sich.
Liebe Mitmenschen,
ich will nicht jammern. Es war meine Entscheidung und ich würde es wieder tun, aber was sich heute im Stuttgarter Schlossgarten abspielte und weiterhin abspielt, ist eine Schande - für Politiker, Polizisten, die Demokratie. Nachdem heute vormittag der Parkschützer-Alarm kam, dass die so genannten Ordnungskräfte den Park absperren, um damit eilig einem Abholzunternehmen den Weg frei zu machen, ließ auch ich mehr oder weniger alles stehen und liegen und eilte in den Park, um Widerstand gegen den Baumfäll-Wahnsinn zu leisten. Zunächst blieb ich am Schlossgarteneingang, wo grün gekleidete Polizisten mit massiven Körperpolsterungen keinen Zweifel daran ließen, worauf man sich einstellen kann.
Ich will es an dieser Stelle und nur einmal sagen: Jung und Alt, wie schon in den letzten Monaten auch, eilten aufgeschreckt zum Teil von ihrer Arbeitsstelle, in Anzug und Krawatte, eine warme Strickjacke an oder noch mit einer Einkaufstüte am Arm. Ich betone: keine Chaoten, rein bürgerliche Menschen, die es nicht fassen können, dass die altehrwürdigen Bäume geschlachtet werden sollen.
Viele Schüler und Schülerinnnen standen dabei, die am Morgen eine angemeldete und genehmigte Demonstration friedlich begannen und bereits in Kontakt mit Knüppeln, Wasserwerfern und Pfefferspray gekommen waren - wohlgemerkt: von der Polizei ohne Sinn und Verstand eingesetzt. Es lag keinerlei strafbare Handlung vor. Zunächst stand ich mit einigen Menschen um Bäume herum, auf denen Baumschützer ausharrten. Diese wollten wir vor dem Zugriff der Polizei schützen. Die Polizisten taten nichts. Dann kam die Aufforderung von einem Parkschützer-Ordner, der meinte, wir sollten alle in den Bereich des Biergartens gehen. Von dort würden Wasserwerfer und schweres Gerät mit Bauzäunen und ähnlichem anrücken. Also ging ich dahin und postierte mich auf einem kleinen Hügel Richtung Bahnhofsgebäude direkt neben dem Biergarten, von wo aus man sehen konnte, wie im Zentimetertakt der Wasserwerfer (mit zwei Düsen) - im Schlepptau weitere schwere Lkw - vorankam. Dort fielen mir erstmals auch schwarz gekleidete Polizisten in speziellen Kampfanzügen mit Helm auf, die mit Schlagstöcken bewaffnet waren. Ich stand nicht auf dem Weg. Die Polizei machte monoton die gleiche Lautsprecher-Durchsage: Man solle den Weg räumen, sonst würden unmittelbar Zwangsmittel eingesetzt. Ich, wir, die Bürger pfiffen und skandierten: Wir sind das Volk! Wir sind friedlich, was seid ihr? Schämt euch! Aufhören! Es war wegen der vielen Menschen nur schwer in Einzelheiten zu beobachten, aber es war klar zu erkennen, dass die schwarze Sondereinsaztruppe nicht zimperlich vorging.
Erst wurden die Wasserwerferdüsen in Stellung gebracht, dann wurde das Wasser-/Reizmittelgemisch auf die Demonstranten gespritzt und gleichzeitig trieb die Kette der Sondereinsatztruppe die nassen und von Gaseinsatz verletzten Menschen zurück. Erst als der Wasserwerfer rund 15 Meter von mir entfernt stand und ich erstmals Leute sah, die damit attakiert wurden, nahm ich wahr, dass einige von ihnen offensichtlich Probleme mit ihren Augen hatten. Andere japsten nach Luft und tranken dankbar von Getränken, die ihnen gereicht wurden. Das war aus der Staatsmacht-Maschine mehr als Wasser - übrigens von der Seite während der Spiritzerei auch gut zu sehen, dass da ein dunkles Gemisch mit ausgebracht wurde.Ich bin keine Heldin. Und auf Augen- und Schleimhautprobleme wollte ich auf jeden Fall verzichten. Andererseits stand ich ja gar nicht auf dem Weg, konnte es also kaum glauben, als ich erkannte, dass die Wasserdüsen plötzlich in meiner Richtung standen. Demnach war klar: Nach unten noch näher Richtung Wasserwerfer wäre Wahnsinn. Nach oben konnte ich - und auch alle anderen - aber auch nicht weg. Dort war der Schlossgartenzaun. Nach vorn konnten wir sowieso nicht, denn da rückte die Sondertruppe als Kette in rund zehn Meter Entfernung an und stieß die Menschen wiederum in unsere Richtung. Somit war die Zeit des Rückzugs gekommen. Leider ging das aber auch nicht, weil dort ebenfalls in zehn Meter Entfernung genauso eine schwarze Truppe in Kettenformation stand und dicht machte - was ich überhaupt nicht kapierte, weil wir doch eigentlich dazu gebracht werden sollten, in diese Richtung abzuziehen!!
Dann wurde es nass und ein mächtiger Wasserdruck traf mich mehrfach von hinten. Ich hatte mich kurz vorher mit zwei anderen Frauen zusammengetan. Wir kauerten zusammen, hielten uns fest und versuchten, uns zu dritt mit meinem kleinen Taschenschirm wenigstens unsere Köpfe zu schützen. Wir hatten nämlich nach den beunruhigenden Szenen der Augentränerei und Atemwegsprobleme uns vorgenommen, sobald wir Wasser spürten, die Augen geschlossen zu halten und so wenig wie möglich einzuatmen. Ehrlich: Ich war froh, dass ich - selbst in dieser Masse Menschen - nicht allein war. Das unfassbare Gefühl, auf diese unwürdige Weise gedemütigt und kriminalisiert zu werden und nicht zu wissen, wie das ausgeht, konnte ich leichter mit den beiden anderen zusammen ertragen. So muss sich jedenfalls Vieh fühlen, das zusammengetrieben wird. Nachdem wir vier- bis fünfmal mit dem Wasserwerfer angegriffen waren, öffnete sich in der Schwarztruppe oben am Zaun ein kleines Loch, durch das viele Menschen während weiterer Wasserwürfe durchwollten. Ich sage nur Duisburg.
Was ich bis jetzt nicht wirklich verstehen WILL: Wenn das Ziel der Polizei war, uns wegzutreiben, warum haben sie uns dann nicht gehen lassen? Warum waren wir für 10 bis 15 Minuten eingekesselt? Sollten wir vorab schon einmal bestraft werden? Wollte man uns damit einschüchtern? Nach den Worten von Innenminister Rech, der nun bei einer Pressekonferenz das Vorgehen rechtfertigte, lässt es nur den Schluss zu, dass die Gewalt auch von der Polizei ausgehen sollte, damit diese Machtdemonstration ihre Wirkung nicht verfehlen soll. Ich habe zwar eine wasserfeste Jacke angehabt, aber die Jeans war klitschenass - bei diesen Temperaturen bedeutete es für mich - für heute - Feierabend. Ich konnte ohne Gefährdung meiner Gesundheit dort nicht weiter ausharren. Beim Rückweg zum Bahnhof sah ich weinende, zitternde und einfach nur fassungslos dreinschauende Leute. Keine Chaoten, kein schwarzer Block. Der schwarze Block: das war die Polizei.
Damit beende ich meinen kleinen Einblick in mein heutiges Erlebnis. Ich habe es heruntergeschrieben, ohne auf literarische Exzellenz zu achten. Ich habe als Bürgerin dieses Landes gehandelt und bin dafür eingekesselt und mit irgendeiner Substanz attakiert worden, die mir auch bei vorsichtigster Abkehr jetzt noch ein Kratzen im Hals hinterlässt. Ich bin wütend und traurig, aber einmal mehr davon überzeugt, dass nicht nur diese Bäume unseren Schutz brauchen, sondern weit mehr auf dem Spiel steht als irgendein Stuttgarter 21-Projekt. In diesem Sinne ein ungebrochenes: Oben bleiben!
(Stuttgarter Bürgerin)




